Dark Warrior
Unser Schicksal
Dark Warrior
Unser Schicksal
Carol
Endlose Qualen. Ein Albtraum, aus dem sie nicht erwachte.
Der Sadist hatte Carol wie jeden Abend blutig geschlagen, ihre Wunden versorgt, sie getröstet, sie gefickt und dann für die Nacht allein gelassen, damit ihr Körper sich regenerieren konnte.
Es war ein Teufelskreis.
Nicht, dass es wichtig war, aber hier unten – in diesem Keller oder unterirdischen Anlage – ließ sich unmöglich sagen, wie spät es war. Es gab keine Fenster. Nicht in ihrem Zimmer und auch nicht in der Folterkammer, die der Sadist als Spielzimmer bezeichnete. Mehr hatte sie bisher nicht zu Gesicht bekommen.
In den umliegenden Zellen waren weitere Frauen untergebracht. Carol hörte sie reden, den Sex, sogar Gelächter. Offensichtlich waren die anderen Doomer nicht so übel drauf wie Sebastian. Und auch wenn Carol sicher war, dass die anderen Frauen auch gegen ihren Willen hier festgehalten wurden, wurden sie doch besser behandelt. Sie durften sogar nach draußen in die Sonne. Einmal am Tag hörte sie, wie der wachhabende Doomer die Frauen ins Freie brachte. Das hielt der Sadist bei einer Unsterblichen wie Carol für unnötig.
Egal.
Im Augenblick war alles still. Die anderen schienen zu schlafen. Carol bewegte sich vorsichtig, versuchte, sich bequemer hinzulegen. Auf dem Bauch zu liegen, fiel ihr schwer, aber sie hatte Angst sich umzudrehen. Ihre Wunden dürften sich inzwischen geschlossen haben, doch ihr Rücken brannte immer noch wie Feuer.
Was würde sie nicht alles für einen Joint geben. Schwachsinn, sie brauchte schon Morphium, um den Schmerz zu betäuben. Sowohl den körperlichen als auch den seelischen. Sie würde sich aber auch mit Oxycodon zufriedengeben. Hauptsache, der Schmerz ließ nach.
Ach Scheiße, wenn sie nicht so eine elendige Kifferin wäre, wäre sie nie nach draußen gegangen, um den Joint zu rauchen. Sie wäre nie als Spielzeug eines gnadenlosen Sadisten geendet und vor allen Dingen wäre Ben noch am Leben.
Beim Schicksal, die Schuldgefühle waren schwerer zu ertragen als die Peitschenhiebe.
Carol hatte noch einen winzigen Funken Hoffnung, dass Ben entkommen war oder dass George ihn in der Gasse gefunden und in Sicherheit gebracht hatte. Aber in der Tiefe ihres Herzens fürchtete sie das Schlimmste. Er konnte ihnen einfach nicht entwischt sein. Es waren zu viele gewesen. Und wenn er noch am Leben gewesen wäre, hätten die Doomer ihn in den Minivan geschleift und mitgenommen.
Vielleicht hatten sie das sogar.
Carol war nicht bei Bewusstsein gewesen, als man sie in diese Zelle, diese Hölle, verfrachtet hatte. Vielleicht hatten sie Ben ebenfalls hergebracht und hielten ihn in einem anderen Teil des Kellers gefangen. Das wäre sogar noch schlimmer. Schlimmer als der Tod.
Als weibliche Unsterbliche war Carol ein seltenes, unersetzbares Gut und der Sadist würde dafür sorgen, dass sie am Leben blieb. Ben dagegen konnte er nicht gebrauchen. Sebastian würde ihn foltern, um so viel möglich über den Clan zu erfahren, und sobald es nichts mehr zu holen gab, würde er Ben umbringen.
Dagegen war ein ehrenhafter Tod im Kampf eine Gnade.
Der einzige Lichtblick, Carols einziger Sieg in diesem längst verlorenen Krieg, war die Tatsache, dass der Sadist ihr ihre Scharade abkaufte. Irgendwie war es ihr trotz der Schmerzen gelungen, ihm das dumme Huhn vorzuspielen, das von nichts eine Ahnung hatte. Zu ihrer Überraschung hatte er ihr geglaubt, als sie schreiend und schluchzend beteuert hatte, den Standpunkt der Festung nicht zu kennen.
Aber falls Sebastian Ben hatte …
Carol schauderte. Es kam nicht darauf an, ob Ben dem Sadisten etwas verraten hatte oder nicht. Sebastian würde ihren Freund einfach zum Spaß foltern. Wie eine Katze, die mit einer Maus spielt, würde er Ben einen Funken Hoffnung schenken, nur um ihn am Ende zu töten.
Bitte, liebe Schicksalsgöttinnen. Ich wünsche mir nichts für mich selbst. Aber bitte rettet Ben. Lasst ihn lebendig und gesund in der Festung oder tot sein. Lasst nicht zu, dass er unter diesem Ungeheuer leiden muss.
Ein Schluchzen stieg aus ihrer ausgetrockneten Kehle auf, die vom Schreien ganz wund war. Auf dem Nachttisch stand eine Flasche Wasser, die ihr Foltermeister für sie zurückgelassen hatte. Carol hatte schrecklichen Durst. Aber um danach zu greifen, musste sie den Arm ausstrecken und ihre verkrampften Muskeln bewegen.
Darüber hinaus war ihre Blase voll und wenn sie jetzt etwas trank, musste sie sich bald zwingen, aufzustehen und ins Badezimmer zu hinken. Sie hoffte, dass sie das noch ein paar Stunden aufschieben konnte. Falls es ihr gelang einzuschlafen, würde der Schmerz am nächsten Morgen – oder wann immer hier ihr Schlafzyklus endete – verschwunden sein. Dann würde es sie keine übermenschliche Kraft mehr kosten, ins Bad zu gehen.
Letztendlich gewannen der Durst und die volle Blase die Oberhand. Mit knappen Bewegungen rutschte Carol zur Bettkante und hob einen schlaffen Arm, um nach der Flasche zu greifen. Der Schmerz raubte ihr die letzte Kraft. Jeder Muskel in ihrem Körper schmerzte, selbst die, denen Sebastian gar nicht nah gekommen war.
Scheiße, sie brauchte ihre zweite Hand, um den Deckel aufzuschrauben.
Carol biss die Zähne zusammen und ignorierte den Schmerz, um sich aufzusetzen und die verdammte Flasche zu öffnen.
Was für ein Segen.
Das Wasser war noch kalt und als es ihr durch die Kehle rann, schien mit ihm das Leben zurückzukehren. Carol konnte nicht aufhören, bevor sie alles ausgetrunken hatte. Anschließend stemmte sie sich ächzend hoch und ging mit der leeren Flasche ins Bad.
Sobald sie es zur Toilette geschafft hatte, überkam sie ein zweites Mal Seligkeit, als sie sich setzen und ihre Blase leeren konnte. Wer hätte gedacht, dass sich selbst einfachste Taten so gut anfühlen konnten? Wenn einem alles andere genommen worden war, konnten ein Schluck Wasser und ein Gang zur Toilette das Beste sein, was das Leben zu bieten hatte.
Vielleicht brachte sie sogar genug Kraft zum Duschen auf. Der Sadist hatte sie gewaschen, bevor er sie ins Bett gebracht hatte. Aber unter dem Wasserstrahl zu stehen, ohne beobachtet zu werden, war eine weitere schlichte Freude, die sie sich gern gegönnt hätte. Davon gab es wenig genug.
Carol war bereits nackt, sodass sie sich nicht mühsam ausziehen musste. Sie betrat die winzige Dusche und drehte das Wasser voll auf. Der Druck ließ zu wünschen übrig, aber wenigstens war das Wasser heiß und schien unbegrenzt zur Verfügung zu stehen. Die Temperatur schwankte die ganze Stunde oder mehr nie, die sie unter dem schwachen Strahl stand, um ihre gequälten, missbrauchten Körper zu entspannen.
Als sie fertig war, tupfte Carol sich mit einem weichen Handtuch trocken und füllte ihre Flasche mit Leitungswasser. Sie putzte sich wie in Zeitlupe die Zähne, weil ihr selbst kleinste Bewegungen Schmerzen bescherten, dann spülte sie sich mithilfe der Flasche den Mund aus. Das war ein bisschen ekelig, da sie später daraus trinken wollte. Aber sich nach vorn zu beugen, um mit dem Mund an den Wasserhahn zu gelangen, kam definitiv nicht infrage. Sie wollte den Oberkörper so wenig wie möglich bewegen.
Sie ging zu ihrem Bett und nahm sich Zeit, um sich vorsichtig zu setzen und auf die Seite zu legen. Als sich diese Haltung als erträglich erwies, schloss Carol seufzend die Augen.
Anders als ihre Familie dachte, war ihr Leben nicht immer leicht gewesen. Dennoch hatte sie nichts auf diese Erfahrung vorbereitet. Die Schmerzen und das Blut waren gar nicht das Schlimmste. Tatsächlich hätte der Schmerz bei einem olympischen Wettstreit des Elends nur Bronze ergattert. Silber wäre den Schuldgefühlen vorbehalten gewesen und Gold der Scham.
Beim Schicksal, die Scham.
Carol vergrub das Gesicht im Kissen. Ihr Foltermeister spielte nicht nur mit ihrem Körper. Er manipulierte auch ihren Verstand, brach sie und erschuf sie neu, verwandelte sie in seine Kreatur. Und sie ließ es zu, weil sie zu schwach war, um sich dagegen zu wehren. Zu begierig auf den wenigen Trost, den er ihr schenkte. Das Schlimmste in all diesem Wahnsinn war jedoch, dass sie jedes Mal feucht war, wenn er in sie eindrang.
Es mussten seine Pheromone als Unsterblicher sein, auf die ihr Körper reagierte. Eine andere Erklärung gab es nicht. Sie war keine Sub, stand nicht auf Schmerzen und fand den Sadisten garantiert nicht attraktiv. Tatsächlich würde ihr kaum etwas größeres Vergnügen bereiten, als diesem Scheißkerl das Herz herauszureißen, aber erst, nachdem sie ihn bis aufs Blut ausgepeitscht hatte. Genau wie er es mit ihr tat. Wieder und wieder. Sie würde ihm gerade genug Zeit lassen, um gesund zu werden, nur um ihn sich erneut vorzunehmen.
Die Vorstellung zauberte ihr ein bitteres Lächeln aufs Gesicht.
Die liebe Carol, die immer nett zu allen war, war verschwunden. Der Sadist hatte ein Monster erschaffen – eine bösartige, blutrünstige Frau, die nach Rache lechzte.
Nathalie
„Aufwachen, Schlafmütze.“ Nathalie küsste Andrew auf die nackte Brust.
„Wie spät ist es?“, murmelte er, ohne die Augen zu öffnen. Zeitgleich strich er mit warmer Hand über ihren Rücken, auf direktem Weg zu ihrem Po.
Und da war es auch schon passiert. Er schloss die Hand um eine Pobacke und knetete sie träge.
Nathalie kicherte. Andrew hatte eindeutig was für ihren Hintern übrig. Ausgerechnet von dem Teil ihres Körpers, den sie am wenigsten mochte, konnte er nicht genug bekommen. Er liebte ihren Po und bewunderte und streichelte ihn bei jeder Gelegenheit. So sehr, dass sie ihren dicken Hintern nicht mehr verabscheuen konnte. Bald würde sie sich in die Mammutdame in Ice Age verwandeln, die ständig fragte, ob ihr Hintern groß wirke und sich bei einem Ja überschwänglich bedankte.
Leider wartete Vlad in der Küche auf sie, sodass sie keine Zeit für eine Runde Morgensex hatten. Dennoch konnte sie nicht anders, als sich ein bisschen an Andrews festen Oberschenkel zu drücken. Die Reibung seiner spärlichen Beinbehaarung jagte ihr einen angenehmen Schauer über die Haut.
„Es ist Viertel vor sechs. Du musst nach Hause fahren und duschen.“
Stöhnend nahm Andrew ihren Po in beide Hände und zog sie auf sich. „Küss mich“, verlangte er.
Sie legte kurz die Lippen auf seine, dann versuchte sie, sich von ihm zu befreien.
„Nein, nein, nein. Ich will einen richtigen Kuss.“ Andrew ließ eine ihrer Pobacken los, um ihr die Hand an den Hinterkopf zu legen und sie lange und innig zu küssen.
Er stieß mit der Zunge in ihren Mund vor und ließ die Hand zwischen ihre Pobacken gleiten. Es dauerte nicht lange, bis Nathalie feucht wurde.
„Hör auf!“ Sie versetzte ihm einen Klaps auf die Brust. „Wir haben keine Zeit für so was.“
Er machte ein langes Gesicht und seine enttäuschte Miene brachte Nathalie zum Lachen. Er sah drein wie ein Junge, der auf sein Spielzeug verzichten musste. „Was ist so witzig?“ Andrew ließ sie widerwillig los.
„Du. Ich verspreche dir, dass dein Lieblingsspielzeug heute Abend nach der Arbeit noch da sein und auf dich wartet wird.“
„Wer behauptet, dass es mein Lieblingsspielzeug ist?“, zog er sie auf, als er aufstand und nach seiner Hose griff.
Nathalie stemmte die Hände in die Hüften und warf ihm einen finsteren Blick zu. „Mein Hintern ist nicht nur dein Lieblingsspielzeug, sondern auch dein einziges. Haben wir uns verstanden?“
Andrew zog den Reißverschluss zu und nahm sie in die Arme. „Für immer und ewig. Du bist die Einzige für mich. Ich liebe dich, Nathalie. Du bist mein größter Schatz.“
„Das will ich auch hoffen.“ Sie schmollte.
Andrews Mundwinkel zuckte. „Das ist alles? Kein Ich liebe dich auch, mein Prinz? Oder ein Du bist der Einzige für mich?“
Es fiel ihr schwer, ihren vermeintlichen Ärger aufrechtzuerhalten, wenn er so süß war. Sie sah ihm in die blauen Augen. „Du weißt, dass ich das tue. Ich vergöttere dich.“
Andrew nickte. Seine harschen Züge wurden weich. „Das ist schön zu hören. Wirklich schön. Ich glaube, es hat mir noch nie jemand gesagt, dass er mich vergöttert.“
„Nicht mal deine Mutter?“
Er lachte. „Wenn du sie irgendwann kennenlernst, wirst du begreifen, wie unwahrscheinlich das ist.“
„Ist sie so streng?“
„Nein. Und auch nicht kaltherzig. Unsere Mom zeigt uns ihre Liebe sehr offen, aber auf eine eher zurückhaltende Weise. Mein Dad ist genau das Gegenteil. Aber das liegt daran, dass er ein Vertreter ist. Oder vielleicht ist er Vertreter geworden, gerade weil er so charmant und aufmerksam ist.“
Sie konnte es nicht erwarten, die beiden kennenzulernen. Aber laut Andrew hatten sie nicht vor, Afrika in nächster Zeit zu verlassen. Als Ärztin hielt Andrews Mutter es für wichtiger, Kindern in Kriegsgebieten medizinische Versorgung zukommen zu lassen, als ihre erwachsenen Kinder zu besuchen. Dagegen ließ sich kaum etwas einwenden.
Doch Nathalie fragte sich, ob Andrews Eltern von den Unsterblichen wussten oder dass ihre Kinder nun Teil dieser verrückten Welt waren.
„Wissen sie Bescheid? Über das mit Syssi? Mit dir?“
Er nickte. „Tun sie. Sie waren auf Syssis und Kians Hochzeit. Daher war es unvermeidlich. Eigentlich wollte Kian sie hinterher bezaubern, damit sie alles vergessen, was mit dem Clan zu tun hat. Aber meine Mutter hat darum gebeten, ihre Erinnerungen behalten zu dürfen. Der Kompromiss bestand aus einem starken Bann, der verhindert, dass sie mit jemandem außerhalb des Clans über die Unsterblichen reden können.“
Andere bezaubern, mit einem Bann belegen, was konnten diese Leute sonst noch? Aber was noch wichtiger war: Hatten sie ihrer Kräfte bereits bei ihr eingesetzt? Die Vorstellung war verstörend.
Sie zog sich den Bademantel an und den Gürtel ein wenig zu straff. Mit verengten Augen fragte sie: „Wurde ich auch schon bezaubert? Oder mit einem Bann belegt, von dem ich nichts weiß?“
Andrew hielt mit dem Hemd in den Fingern inne. „Nein. Dazu gab es keinen Grund. Und abgesehen davon ist strikt geregelt, unter welchen Umständen sie ihre Kräfte einsetzen dürfen.“ Er streifte sich das Hemd über. „Genau genommen habe ich wegen dir mein Versprechen gebrochen, ihre Existenz für mich zu behalten. Dasselbe gilt für Bhathian.“
„Bekommt ihr deshalb Ärger?“
„Wahrscheinlich. Aber jetzt ist nicht der richtige Zeitpunkt, um für Unruhe im Clan zu sorgen. Kian hat sowieso schon genug um die Ohren. Wir sagen es ihm nach der Schlacht. Aber lass dir vor Jackson und Vlad nicht anmerken, dass du Bescheid weißt. Du musst aufpassen, wie du dich in ihrer Nähe verhältst oder was du auch nur denkst. Unsterbliche haben eine außergewöhnlich gute Nase und jedes unserer Gefühle produziert einen ganz bestimmten Geruch.“
„Na toll. Wie soll ich denn meine Gefühle verstecken?“
Er grinste. „Durch die hohe Kunst der Irreführung. Du kannst zum Beispiel so tun, als ob sie von etwas anderem verursacht werden. Nur weil du nervös riechst, wissen sie noch lange nicht, warum du so aufgeregt bist. Nur dass es so ist.“
„Verstanden.“ Das bekam sie hin. Ob unsterblich oder menschlich, sie hatte es mit Teenagern zu tun, die nicht gut mit Frauen umgehen konnten und sich durch ihre Eigenarten leicht verwirren ließen.
Nicht, dass die meisten Männer sich mit dem Alter besser zurechtfanden. Auch viele verheiratete Männer begriffen nie zur Gänze, wie ihre Frauen tickten. Sie versuchten lediglich, sie halbwegs zu verstehen.
Wie ihr armer Papi.
Selbst als sein Gehirn noch richtig funktioniert hatte, hatte Fernando nicht verstanden, warum ihre Mutter ihn verlassen hatte. Und was Andrew einmal angedeutet hatte, war schlicht undenkbar. Ihr Vater – ihr Adoptivvater, hieß das – hatte ihre wunderschöne Mutter mit Sicherheit nicht betrogen.
Es musste einen anderen Grund für die Scheidung gegeben haben. Vielleicht, dass ihre Mutter herausgefunden hatte, dass sie unsterblich war. Oder Fernando hatte Eva einfach nie richtig verstanden und nicht gewusst, wie er sie glücklich machen konnte.
Nathalie musste zugeben, dass Andrew ziemlich gut darin war, sie zu lesen. Möglicherweise, weil er eine jüngere Schwester hatte und dabei gewesen war, als sie zur Frau herangewachsen war. Oder er war einfach ein einfühlsamer Mensch. Er musste nie rätseln, was sie wollte oder brauchte, weil er sie genau beobachtete und ihr zuhörte. Andrew war sehr aufmerksam.
Wie bei der Sache mit dem Kaffee. Ihm war aufgefallen, dass sie tagsüber in erster Linie Cappuccino, aber morgens richtigen Kaffee trank. Er hatte ihr nur einmal Gesellschaft leisten müssen, um es zu bemerken, und jetzt kochte er ihr jeden Morgen Kaffee, wenn er hier übernachtete.
Er setzte ihre Bedürfnisse immer an erste Stelle. Auch heute. Nachdem Andrew kurz im Bad gewesen war, ließ er sie in Ruhe duschen und sich anziehen. Ihm war aufgefallen, dass es ihr so lieber war. Daher ging er schon mal in die Küche.
Dieser Mann war schlicht perfekt und er gehörte ganz ihr.
Nathalie würde ihn nie wieder gehen lassen. Nicht in die Arme einer anderen Frau und auch nicht ins Jenseits oder wie immer man den Ort nannte, an dem Geister lebten oder vielmehr existierten. Schließlich lebten Geister in dem Sinne nicht, oder?
Sie würde jeder Schlampe, die es wagte, Andrew zu lange anzusehen, die Augen auskratzen. Doch wildernde Frauen waren ihr geringstes Problem. Nathalies größte Angst galt nicht einer dahergelaufenen Zicke, die ihre gierigen Krallen in ihren Mann schlagen könnte. Ihr wahrer Gegner trug eine tödlichere Waffe bei sich – eine Sense – und war in der Lage, Andrews Seele für sich zu beanspruchen. Aber selbst der Engel des Todes hatte keine Chance gegen sie.
Wie Jakob in der Bibel würde sie mit ihm um Andrew kämpfen. Und wenn sie verlor? Dann war sie selbst tot und konnte ihm in die andere Welt folgen. Hoffentlich durften Geister Beziehungen führen.
Niemand würde ihr Andrew wegnehmen. Nicht einmal Gott. Und wenn ein solcher Gedanke Blasphemie war, dann sollte es eben so sein. Er entsprang wahrer Liebe und war damit entschuldbar. Zumindest hoffte sie das.
Verdammt, sie wünschte, Andrew hätte nie erfahren, dass er ein Schlummernder war. Oder dass sie ebenfalls eine sein könnte. Dann würde er sich nicht auf diese Verwandlung einlassen, die für Nathalie klang, als würde er für den großen Kerl mit der Sense den roten Teppich ausrollen.
Aber andererseits wären sie sich dann nie begegnet. Der einzige Grund, warum Andrew Teil ihres Lebens war, war, dass Bhathian nach ihr gesucht hatte – ihr leiblicher, unsterblicher Vater.
Robert
Ich halte das nicht mehr aus.
Robert hielt sich die Ohren zu.
Carols verzweifeltes Schluchzen zu hören, zerriss ihn innerlich. Sie weinte seit Stunden, immer wieder. Das war fast so schwer zu ertragen wie ihre Schreie.
Die Tür zu seinem Büro – zu dem Vorratsraum, in dem sein Schreibtisch stand – war geschlossen. Das bedeutete, dass er den Bruchteil einer Sekunde Zeit hatte, sich richtig hinzusetzen, falls jemand hereinkam. Dann war er nur noch ein Mann, der vor seinem Laptop saß, umgeben von einem Stapel Kassenbüchern und losen Blättern.
In Wirklichkeit war er nicht besonders beschäftigt. Trotzdem war es wichtig, den Schein zu wahren. Sebastian wusste harte Arbeit zu schätzen.
Robert hasste diesen sadistischen Hurensohn wie nie einen Mann zuvor.
Er hatte Sebastian nie gemocht. Aber zu seinem Assistenten ernannt zu werden, hatte Robert dennoch geschmeichelt. Sebastian war dafür bekannt, seine Männer gut oder wenigstens gerecht zu behandeln, und er war klug. Robert hatte gehofft, von ihm lernen zu können.
Sicher, auch zu ihm waren die Gerüchte vorgedrungen. Schließlich versuchte Sebastian gar nicht, seine sexuellen Vorlieben zu verbergen. Im Gegenteil, er ging mit ihnen hausieren. Aber solange Robert nicht miterleben musste, wie abartig sein Befehlshaber veranlagt war, konnte er sich einreden, dass es ihm egal war.
Das konnte er jetzt nicht mehr. Jetzt machte ihm das Ganze zu schaffen. Sehr sogar.
Bevor sie Letty aufgegriffen hatten, hatte Sebastian seinen Fetisch außerhalb der Basis ausgelebt. Er hatte dafür einen Privatclub besucht, in dem Ungeheuer wie er Frauen missbrauchen konnten. Der einzige Unterschied bestand darin, dass sich die Frauen dort angeblich freiwillig darauf einließen.
Robert konnte das kaum glauben. Wer, der bei klarem Verstand war, wollte von einem Fremden erst ausgepeitscht und dann gefickt werden? Und soweit er wusste, war nicht einmal Geld im Spiel.
Was für ein Wahnsinn.
Arme Letty. Sie war nett. Sebastian hatte sie brutal misshandelt, aber das war nichts im Vergleich zu dem, was er Carol antat. Seitdem nicht mehr die Gefahr bestand, sein Opfer zu töten, kannte Sebastians Grausamkeit keine Grenzen.
Sie war so ein weiches, kleines Ding. So verletzlich. Robert brach jedes Mal das Herz, wenn er ihr das Essen in die Zelle brachte und sah, in welchem Zustand sie war.
Mortdh sei Dank war ihr unsterblicher Körper sehr widerstandsfähig. Aber wenn es so weiterging, verlor sie bald den Verstand. Niemand konnte tagtäglich solche Qualen aushalten, ohne verrückt zu werden.
Er musste ihr helfen.
Sie laufen zu lassen, war undenkbar. Aber vielleicht konnte er sie von ihren Schmerzen befreien. Bei seinem letzten Besuch in einem der Clubs hatte er das eine oder andere eingekauft. Für Carol. Etwas, um ihr Leid zu lindern.
Robert konnte nur hoffen, dass das Zeug in Ordnung war. Er kannte sich mit solchen Sachen nicht aus. Er war eher der geradlinige Typ, trank nicht, rauchte nicht und warf nichts ein. Drogen zu nehmen, widersprach dem Verhaltenskodex der Doomer, aber es war nicht explizit verboten. Die Befehlshaber duldeten es, solange man es nicht an die große Glocke hängte und niemand die Kontrolle verlor.
Aber Robert war nie in Versuchung geraten. Warum sollte er seine geistigen Fähigkeiten aufs Spiel setzen, wenn es ihm selbst bei klarem Verstand schon schwerfiel, seine Aufgaben zu erfüllen? Er war nicht besonders klug. Tom war im Vergleich zu ihm ein Genie, aber Robert war der fleißigste und engagierteste Soldat in dieser Basis.
Letztendlich waren Hartnäckigkeit und Mut viel wichtiger Intelligenz. Zumindest wollte er das glauben.
Als geradliniger, aber nicht allzu schlauer Kerl zu gelten, brachte noch einen weiteren Vorteil mit sich: Sebastian würde ihn nie verdächtigen. Wenn Robert nach Angst roch, war das nichts Neues. Er war in der Nähe seines Befehlshabers immer nervös.
Hinter Sebastians charmantem Lächeln und leiser Stimme verbarg sich ein Ungeheuer. Robert hatte es gesehen und dasselbe galt für die anderen handverlesenen Männer, die in Sebastians Dienst standen. Carols Schreie hallten durch das ganze Gebäude und die Männer verfielen jedes Mal in Schweigen, bis wieder Stille herrschte. Sei es, weil Sebastian fertig war oder weil Carol die Stimme wegblieb. Manche rissen Witze darüber oder taten es ab, als wäre nichts gewesen; genau wie Sebastian es verlangte. Aber Robert hatte den Abscheu in den Augen der Soldaten bemerkt.
Keiner von ihnen war ohne Schuld. Sie alle benutzten die Frauen, die im Keller gefangen gehalten wurde. Auch er. Aber laut Mortdhs Lehren war es nun einmal das, wozu Frauen erschaffen worden waren. Dennoch war es Roberts Meinung nach ein großer Unterschied, ob man zärtlich mit einer Frau schlief und sicherstellte, dass sie ihren Spaß hatte, oder ob man ihr das antat, was Sebastian erst Letty abverlangt hatte und jetzt Carol zumutete.
Er hielt sich für einen guten Mann. Er war kein Monster wie Sebastian und er würde etwas unternehmen, auch wenn ihm die Konsequenzen eine Heidenangst einjagten. Wenn Sebastian ihm auf die Schliche kam, würde er Robert Stück für Stück die Haut abziehen. Er würde nicht einmal genug von ihm übrig lassen, dass sich eine Beerdigung lohnte.
Dann sieh halt zu, dass er dich nicht erwischt.
Robert stand auf und streckte sich, um nach der Getreidedose auf dem obersten Regalbrett zu greifen. Er hatte seine Schmuggelware darin versteckt, da niemand dem Gerstenschrot je einen zweiten Blick schenkte. So etwas bereiteten die Männer nie zu. Bis Sebastian den versprochenen Koch engagierte, war die Dose der sicherste Platz der Welt.
Aber jetzt hatte Robert ein Problem. Er hatte die kleinen, weißen Pillen einfach in die Gerste fallen lassen und anschließend die Dose geschüttelt, bevor er sie wieder im Regal verstaut hatte. Jetzt war es so gut wie unmöglich, schnell die beiden Pillen herauszufischen, die er brauchte.
Was, wenn jemand reinkam und ihn mit der Hand in der Dose erwischte? Wie sollte er sich erklären? Jeder würde sofort wissen, dass er etwas vorhatte.
Mist. Bisher hatte er die Gerste für ein gutes Versteck gehalten, aber er musste sich dringend ein besseres suchen. Eine Stelle, die sowohl leicht zugänglich als auch gut versteckt war und an der man ihn nicht erwischte.
Später.
Sebastian war heute Morgen mit Tom weggefahren und wollte erst heute Nachmittag zurückkommen. Die beiden trafen sich mit dem Besitzer eines Radiosenders, der verkaufen wollte.
Damit war jetzt ein guter Zeitpunkt, um Carol sein Geschenk zu bringen. Hinterher konnte er sich immer noch ein neues Versteck suchen.
Nachdem er sich endlich zwei der Pillen in die Tasche gesteckt hatte, verließ Robert den Vorratsraum, um den Frauen Frühstück zu machen. Er wollte sich zuerst um die anderen kümmern und sich Carol bis zuletzt aufsparen, damit er ein paar Minuten bei ihr bleiben konnte.
Das Frühstück war nicht besonders aufwendig. Es gab Müsli, frisches Obst, zwei Scheiben Toast und Orangensaft. Aber inzwischen lebten siebzehn menschliche Frauen und eine Unsterbliche im Keller und jede bekam ein eigenes Tablett.
Normalerweise ließ er sich in jedem Zimmer etwas Zeit, um sich mit den Frauen zu unterhalten und sie zu fragen, ob sie sich wohlfühlten oder etwas brauchten. Heute fehlte ihm eigentlich die Geduld. Aber seine Vorgehensweise zu ändern, hätte Verdacht erregt.
Nachdem er das letzte Zimmer verlassen hatte, verbiss sich Robert ein erleichtertes Seufzen. Er konnte es sich nicht erlauben, sich in irgendeiner Form auffällig zu verhalten. Alles musste ablaufen wie immer.
Trotzdem hatte er sich mit Carols Tablett besonders viel Mühe gegeben, es mit einer Extraportion Essen beladen und sogar eine Kanne Kaffee hinzugefügt. Das ging schon in Ordnung. Sie war das Spielzeug des Befehlshabers und verdiente daher eine bessere Behandlung. Abgesehen davon konnte das arme Ding etwas zusätzliche Kraft gebrauchen.
Robert balancierte das Tablett auf einer Hand und klopfte mit der anderen zweimal gegen die Tür. Das tat er immer, bevor er eintrat, damit die Frauen wussten, dass er kam.
Die meisten begrüßten ihn mit einem Hallo oder baten ihn herein. Carol nicht. Sie lag wie üblich auf der Seite, hatte das Gesicht zur Wand gedreht und zeigte keine Reaktion.
Sie musste ihn anschauen, damit er ihr die Pillen zuschieben konnte. Alle Räume waren mit Überwachungskameras ausgestattet, die neben den Bildern auch eine Tonspur aufzeichneten. Robert hatte sich bewusst so platziert, dass er die Kamera mit dem Rücken verdeckte und einen toten Winkel vor sich schuf, aber gegen das Mikrofon konnte er nichts unternehmen.
„Ich habe dir Frühstück gebracht. Die Erdbeeren sind ganz frisch und saftig. Der Pfirsich auch. Soll ich dir Kaffee einschenken?“
So viel hatte er vor ihr noch nie gesprochen. Bisher hatte er sich immer zu sehr geschämt und unter seinen Schuldgefühlen gelitten, um es auf ein Gespräch ankommen zu lassen. Hoffentlich fiel Carol sein ungewöhnliches Verhalten auf und sie drehte sich um.
Als sie sich nicht rührte, schob er die Hand in die vordere Hosentasche und nahm eine Erdbeere vom Teller. „Hier, ich möchte, dass du die probierst. Bestimmt hast du noch nie etwas so Leckeres gegessen.“
Es war ein Risiko, so mit ihr zu reden, aber ihm blieb keine andere Wahl. Er war schon viel zu lange bei ihr.
Schließlich reagierte sie, wandte den Kopf und sah ihn an. Ihre Augen waren blau, groß, rund und so voller Unschuld, dass ihm das Herz blutete. Aber sie sah ihm ins Gesicht. Nicht auf seine Hand.
„Guck mal, die ist riesig. Und tiefrot. Da bist du sprachlos, oder“ Er hielt ihr die Hand hin und achtete darauf, dass sie nach wie vor von seinem Körper verdeckt war.
Carols Miene verriet ihre Verwirrung, aber dann spähte sie in seine Handfläche, nur um sofort wieder den Kopf zu heben.
Sag nichts. Nimm sie einfach. Sie sind gegen die Schmerzen, soufflierte er stumm.
Sie nickte kaum merklich und schloss die schmalen Finger um die Erdbeere und die beiden Oxycodon-Tabletten.
„Danke“, flüsterte sie. „Wie nett von dir, mir so leckeres Obst zu bringen.“
Er lächelte. „Gern geschehen. Morgen gibt es mehr. Wenn keine Erdbeeren da sind, dann eben etwas anderes.“
Sie nickte erneut und ließ ihn wissen, dass sie verstanden hatte.
Nimm sie direkt vorher. Aber du musst so tun, als ob es trotzdem wehtut, sagte er stumm.
Ein weiteres Nicken. Ihre rotblonden Locken wippten um ihr winziges Gesicht.
„Danke“, wiederholte sie laut und drehte sich wieder zur Wand um.
Gut so, denn jedes andere Verhalten wäre untypisch für sie gewesen.
Nathalie
„Guten Morgen, Papi. Hast du gut geschlafen?“, fragte Nathalie, als ihr Vater die Küche betrat.
Er trat zu ihr und küsste sie auf die Wange. „So gut man es erwarten kann.“ Damit schlurfte er zu seinem Stammplatz, an dem sein Frühstück und die Zeitung auf ihn warteten.
Nathalie runzelte die Stirn. Er bewegte sich immer schwerfälliger. Darüber hinaus kam er ihr etwas dünner vor. Er war immer noch übergewichtig, aber nicht mehr so sehr wie früher. Vor ein paar Jahren hätte sie sich noch gefreut, wenn Fernando Gewicht verloren hätte, aber nun war es ein Grund zur Sorge. Ein weiteres Anzeichen, dass die Demenz allmählich schlimmer wurde und ihn nach und nach zerstörte.
Seufzend kehrte Nathalie an ihren Arbeitsplatz zurück und widmete sich dem Sandwich, das sie gerade belegte.
Seltsam. Sie war ihr ganzes Leben lang überzeugt gewesen, ihrem Vater ähnlicher zu sehen als ihrer Mutter. Und jetzt stellte sich heraus, dass Fernando gar nichts zu ihren Genen beigetragen hatte.
Mit einem Salatblatt in der Hand sah sie sich zu ihm um.
Die einzige Ähnlichkeit betraf ihre Hautfarbe, die sie allerdings auch mit ihrer Mutter teilte. Fernandos Augen waren anders geformt als ihre, dasselbe galt für seine Nase. Nur ihre Lippen wiesen eine gewisse Ähnlichkeit auf. Wenn schon nicht in der Form, dann was die Fülle anging. Sie hatten beide einen vollen Mund.
Wusste er Bescheid? Diese Frage machte ihr am meisten zu schaffen. Hatte er vielleicht gar nicht gewusst, dass ihre Mutter schwanger war, als er sie geheiratet hatte? Oder war er von Anfang an eingeweiht gewesen?
Dummerweise konnte Nathalie ihn nicht fragen. Vielleicht erinnerte er sich auch gar nicht mehr. Abgesehen dafür würde es ihn zu sehr aufregen, wenn sie ein so heikles Thema anschnitt. Sie musste sich gedulden, bis Bhathian ihre Mutter gefunden hatte.
„He, Nathalie! Ist das Sandwich fertig?“ Jackson kam rein und stellte einen Stapel dreckige Teller in die Spüle.
Mist, jetzt war nicht der richtige Zeitpunkt, um über solche Dinge nachzudenken. Sie musste arbeiten.
„Noch eine Sekunde“, erwiderte sie, während sie Coleslaw und Salat auf den Teller häufte und anschließend mit geschnittenen Gurkenscheiben garnierte. „Bitte sehr.“ Sie reichte Jackson den Teller. „Sonst noch etwas?“
„Nein. Nur das Sandwich. Alle anderen Bestellungen waren Cappuccinos und Gebäck. Du kannst Pause machen.“
„Danke, Chef“, gab sie zurück.
Die meiste Zeit wusste Nathalie zu schätzen, was Jackson für sie und ihr Geschäft tat. Aber manchmal, wenn er sich aufführte, als gehöre ihm das Café und sie wäre seine Angestellte statt andersherum, hätte sie ihn am liebsten rausgeschmissen.
Na ja, eigentlich nicht. Sie brauchte ihn.
„Gern geschehen.“ Er grinste und ging nach vorn.
Uff, es juckte Nathalie in den Fingern, dem arroganten Unsterblichen eins überzuziehen. Seitdem sie wusste, dass Vlad und er unsterblich waren, ergab vieles mehr Sinn. Zum Beispiel Vlads außergewöhnliche Kraft und Jacksons unerschöpfliche Ausdauer.
Armer Vlad. Kein Wunder, dass er wie eine Kreuzung aus Mensch, Schlange und Vampir aussah. Genau genommen war er das ja auch. Doch Jackson gehörte zur gleichen Familie und er machte jedem Filmstar Konkurrenz. Blieb nur die Frage, ob er so von sich überzeugt war, weil er einer überlegenen Rasse angehörte, oder weil er so verdammt gut aussah.
Wahrscheinlich lag es an seinem Aussehen. Als Mensch wäre er bestimmt genauso großspurig. Zu viel weibliche Aufmerksamkeit tat dem Ego eines Manns nicht gut.
Nathalie zuckte mit den Schultern und zog ihre Schürze aus.
Wenn Jackson den Chef spielen wollte, würde sie ihn lassen. Sollte er doch sehen, wie schwer es war, alles allein zu bewältigen, wenn das Café voll besetzt war. Denn genau darum ging es, wenn man der Chef war. Man musste sich allen Aufgaben stellen, während Angestellte den Luxus hatten, sich manchem zu verweigern.
„Ich gehe kurz einkaufen, Papi. Aber Vlad und Jackson sind hier, falls du etwas brauchst.“
„Wer ist Vlad?“
„Das bin ich.“ Vlad unterbrach das Geschirrspülen und hob eine schaumbedeckte Hand.
„Oh.“ Fernando gab vor, ihn zu erkennen. „Du kannst gehen, Nathalie. Ich lese nur meine Zeitung zu Ende und gehe dann nach oben, um mir meine Serie anzuschauen. Sie fängt in ein paar Minuten an.“ Er warf einen Blick auf die Uhr. „In sieben Minuten, um genau zu sein.“
Das menschliche Gedächtnis war schon ein merkwürdiges Konstrukt. Fernando hatte keine Ahnung, wer Vlad war, obwohl er ihn jeden Tag sah, aber er hatte keine Schwierigkeiten, sich genau zu merken, wann seine Serien liefen.
Nathalie holte ihre Handtasche aus einem der Küchenschränke und hängte sie sich über die Schulter. „Sag Jackson, ich gehe Geld einzahlen, ja?“
Vlad runzelte die Stirn und nickte.
Verdammt, sie hatte die feinen Sinne der Unsterblichen vergessen. Vlad hatte im wahrsten Sinne des Wortes gerochen, dass sie log. Egal. Sie musste ihm nicht verraten, dass sie einfach eine Weile hier rausmusste. Sie wollte sich ein ruhiges Plätzchen suchen – bevorzugt im Grünen unter einem Baum – und eine Weile nachdenken.
„Bin bald wieder da.“ Sie ging durch die Hintertür nach draußen und schloss hinter sich ab. Vlad hatte einen Schlüssel. Dasselbe galt für Jackson.
Allein die Straße entlangzugehen, fühlte sich eigenartig befreiend an. Es war später Vormittag und sie war die Einzige, die um diese Uhrzeit zu Fuß unterwegs war. Auch der Verkehr hielt sich in Grenzen, sodass es relativ still war. Eine nette Abwechslung nach dem geschäftigen Treiben im Café.
Je weiter sie sich entfernte, desto leichter fiel ihr das Atmen und sie begann sich zu entspannen. Sie hatte bisher nicht einmal bemerkt, wie verkrampft sie gewesen war, verdammt noch mal.
Aber andererseits … Nach den jüngsten Offenbarungen wäre sie verrückt, wenn sie nicht ein bisschen neben sich stehen würde.
Ihr Ziel, eine öffentliche Parkanlage, lag eine Straße entfernt und als sie dort ankam, ging sie auf direktem Weg zu ihrem Lieblingsplatz, einer Bank im Schatten einer großen Eiche stand. Normalerweise kam sie mit Papi her. Er saß gern hier und sah den Müttern mit ihren Kindern zu, die im Sandkasten spielten. Heute war es dafür noch zu früh und der Park war genauso verlassen wie die Straßen.
Nathalie setzte sich, schloss die Augen und atmete tief durch.
Ah, der Geruch von frischem Gras. Wie herrlich nach all den Back- und Kochgerüchen im Café. Ganz zu schweigen davon, dass sie endlich ein bisschen Zeit für sich hatte.
Aber dabei blieb es nicht. Sie nahm einen leichten Druck wahr, gleich darauf ertönte eine Stimme in ihrem Kopf.
Es tut mir leid, dass ich störe. Aber ich muss dir unbedingt etwas erzählen.
„Was gibt es, Sage?“
Ich weiß jetzt, was los ist. Ich weiß, warum ich noch hier bin.
„Ach ja?“
Jemand, der mir viel bedeutet, sehnt sich nach meiner Vergebung. Ich glaube, wenn ich ihr sage, dass ich nicht wütend auf sie bin und dass ich ihr ein schönes Leben an der Seite des Manns wünsche, den das Schicksal für sie ausgesucht hat, kann ich endlich auf die andere Seite gehen.
Aus irgendeinem Grund fand Nathalie die Vorstellung, dass Sage gehen und nie wiederkommen würde, traurig. Vielleicht lag er ja falsch?
„Bist du dir sicher? Bei unserem letzten Gespräch hattest du keine Ahnung, wer du bist. Was hat denn deine Erinnerung geweckt?“
Ich muss mich entschuldigen. Ich habe gestern gelauscht und alles gehört, was Andrew und Bhathian dir erzählt haben. Das klang alles sehr vertraut für mich. Ich war überhaupt nicht überrascht, von den Unsterblichen zu erfahren. Genau genommen ist mir bewusst geworden, dass ich selbst einer war.
„Aber du bist tot, Sage. Wenn du unsterblich wärst, wärst du noch am Leben.“
Eigentlich heiße ich Mark. Und leider gibt es mehr als eine Möglichkeit, einen Unsterblichen zu töten. Zum einen durch Enthauptung, indem man ihnen das Herz herausschneidet oder durch eine tödliche Dosis Gift.
Nathalie schlug sich die Hand vor den Mund. Ihr kam die Galle hoch. „Bitte sag mir, dass man dir weder den Kopf abgetrennt noch das Herz herausgeschnitten hat.“
Nein, ich wurde von einem Doomer getötet. So nennen wir die Anhänger von Mortdh. Er hat mir genug Gift injiziert, um mein Herz zum Stillstand zu bringen. Für immer.
Das klang etwas weniger grausig als die anderen beiden Optionen, aber es hatte sicher eine Weile gedauert, bis das Gift seine Wirkung getan hatte.
„Du musst furchtbare Angst gehabt haben.“ Nathalie erschauerte.
Eigentlich nicht. Die Sache ist die: Unser Gift wirkt euphorisierend. Beim Sex ist das übrigens super. Wenn Andrew sich verwandelt hat, wirst du verstehen, was ich meine.
Nathalie stieg die Hitze in die Wangen. Wie gut, dass er sie nicht sehen konnte, solange kein Spiegel in der Nähe war. Das Letzte, was sie wollte, war mit Sage ihr Liebesleben zu diskutieren. Mit Mark, korrigierte sie sich stumm. Dass er in ihrem Kopf herumspukte, war aufdringlich genug, vielen Dank auch. Zeit für einen Themenwechsel.
„Du hast gesagt, du musst jemanden wissen lassen, dass du nicht wütend auf sie bist. Wer ist diese Frau, die sich deine Vergebung wünscht, und warum?“
Es konnte sich um keine verflossene Liebschaft handeln, es sei denn, Mark war bisexuell gewesen. Oder hatte Mark eine Freundin gehabt, bevor er sich eingestanden hatte, dass er Männer vorzog? Hatte er sie für einen Mann verlassen?
Nathalie hörte Marks geisterhaftes Lachen. Verflixt, sie hatte vergessen, ihre Gedanken abzuschirmen.
Nein, es geht nicht um eine Ex-Freundin. Ich war schon immer schwul. Es geht um meine Cousine Amanda.
„Kians Schwester? Was hat sie dir denn getan?“
Gar nichts. Deshalb muss ich ihr ja auch sagen, dass nichts von dem, was passiert ist, ihre Schuld ist und dass sie sich nicht schuldig fühlen soll. Ihr einziges Verbrechen ist, sich in den Mann verliebt zu haben, der den Mord an mir in Auftrag gegeben hat.
Nathalie fuhr zusammen. Das war ja grauenhaft. Diese Frau musste ernsthafte Probleme haben. Nichts rechtfertigte es, sich mit dem Mörder seines Cousins einzulassen. „Das ist nicht unbedingt eine Kleinigkeit, weißt du? Ich glaube, wenn ich in deiner Haut stecken würde, würde ich ihr nicht so leicht verzeihen. Bildlich gesprochen. Ich schätze, Geister haben keine Haut mehr, oder?“
Er lachte. Es fühlte sich an, als würden Seifenblasen in ihrem Kopf aufsteigen.
Ich sehe so aus, wie ich es mir vorstelle. Quasi wie ich mein Bild von mir heraufbeschwöre. Und was Amanda angeht … Als sie sich in Dalhu verliebt hat, wusste sie nicht, dass er der Befehlshaber einer Einheit Doomer war und entsprechend auch nicht, dass er meinen Tod angeordnet hat. Er hat sich seitdem sehr verändert und sowohl in Amandas Augen als auch in denen des Clans seine Schuld beglichen. Das Schicksal hat ihn ihr als Gefährte an die Seite gestellt.
„Du bist ein netterer Mensch als ich, Mark. Mildernde Umstände hin oder her, ich glaube nicht, dass ich ihr verzeihen könnte.“
Nathalie, Nathalie, Nathalie. Du vergisst, dass Vergebung nicht nur den Übeltäter befreit, sondern auch den, dem er geschadet hat. Wie soll ich auf die andere Seite wechseln, wo es ewige Liebe und Glück gibt, wenn ich mich nicht von meinem Ballast befreie? Solange ich weiß, dass Amanda unnötig leidet, bin ich nicht schwerelos und sorglos genug, um dorthin zu gelangen, wo ich hinmöchte.
„Es gibt also wirklich eine andere Seite, auf der alles gut ist?“ Sie hatte Tut diese Frage im Verlauf der Jahre immer wieder gestellt, aber nie eine Antwort bekommen.
Ich weiß es nicht mit Sicherheit, aber es fühlt sich so an. Die Wärme und das Licht rufen nach mir.
Nathalie nickte. „Verstehe. Du musst es also nicht nur für sie tun, sondern auch für dich selbst.“
Genau.
„Hast du versuchst, dich ihr verständlich zu machen?“
Ja. Erst ihr, dann Syssi als Seherin, aber keine von ihnen hat deine einzigartige Gabe. Sie können mich nicht hören. Du musst für mich mit Amanda sprechen.
Oh Mann. Als wäre ihr Leben nicht schon kompliziert genug. „Wenn du uns gestern Nacht zugehört hast, weißt du doch, dass deine Verwandten nicht wissen dürfen, dass Andrew und Bhathian mir all eure Geheimnisse verraten haben. Wenn ich offen mit Amanda rede – und das muss ich, wenn ich ihr deine Seite der Geschichte erzählen will –, bekommen Andrew und Bhathian Ärger.“
Mark schnaubte. Hey, das ist doch das Schöne. Ihr könnt alles darauf schieben, dass ein Geist die Infos geleakt hat. Was können sie mir schon anhaben? Ich bin schon tot.
Sicher, aber das wäre gelogen. Nicht unbedingt ein guter Anfang für die Bekanntschaft mit ihrer neuen Familie. Allerdings konnte sie sich natürlich so ausdrücken, dass nur der Eindruck entstand, dass Mark sich verplappert hatte, ohne es wirklich zu behaupten. Das sollte Andrew und Bhathian Probleme ersparen.
Andererseits war sich wissentlich falsch auszudrücken auch nur eine andere Form des Lügens.