Dark Enemy

Gefangen

Dark Enemy Gefangen

 

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Kapitel: Andrew

Als der Hubschrauber tiefer sank, wandte Andrew sich dem Fenster zu und beobachtete, wie der hell erleuchtete Landeplatz auf Kians Dach näherkam. In der Mitte war ein großes A zu erkennen, das er bei ihrem Abflug nicht bemerkt hatte, und er fragte sich, wofür es stand.

A wie Amanda? A wie Absolut großartige Unsterbliche? Dann doch eher ein V wie in Verdammt noch mal unglaublich …

Sobald der Helikopter den Boden berührt hatte, kam Syssi aus dem Schutz des Vestibüls aufs offene Dach gerannt. Ein Windstoß verfing sich in ihrem langen Haar und ließ es ihr wild um den Kopf wirbeln. Sie schien zu frieren. Das arme Ding hatte sich in ihre leichte Jacke gewickelt, das Kinn im bis zu den Wangen hochgezogenen Kragen versteckt.

Ihr Anblick sorgte dafür, dass ihr Freund sich rasch in Bewegung setzte.

Mit einem unterdrückten Fluch riss Kian die Schiebetür auf und sprang aufs Dach. Er duckte sich unter den allmählich langsamer werdenden Rotoren hinweg und rannte auf Syssi zu, um sie in die Arme zu schließen.

Es war gut, dass sein Rücken breit genug war, um einen sicher leidenschaftlichen Kuss zu verbergen. So sehr Andrew mit Syssis Freund einverstanden war, bedeutete das noch lange nicht, dass er seiner kleinen Schwester bei etwas zusehen wollte, das auch nur ansatzweise mit Sex zu tun hatte.

Es musste für Kian die Hölle gewesen, Amanda in diesem Zustand vorzufinden – splitterfasernackt und in den Nachwehen eines Höhepunkts. Zu Andrews eigenem Glück war er spät eingetroffen, dass er nicht mehr gesehen hatte, wie sie es mit dem Doomer getrieben hatte.

Das schien in längster Zeit sein Ding zu sein. Auch Syssis beinahe tödliche Verwandlung war ihm erspart geblieben. Erst hinterher hatte er erfahren, was vor sich gegangen war.

Gott sei Dank hatte sie überlebt.

Es war besser, dass er nicht dabei gewesen war. Er wäre vor Sorge durchgedreht und hätte Kian angegriffen – und auf die etwaigen Konsequenzen gepfiffen. Irgendjemand schien über ihn zu wachen und ihn vor Ereignissen zu bewahren, die er nicht ertragen könnte.

Allerdings hatte Andrew durch den Xaver genug gesehen, bevor es in der Hütte endgültig rund gegangen war. Während der Untersuchung des Innenraums hatte er mehr als einen guten Einblick bekommen. Zum Glück war das Display des elektromagnetischen Radars eher dürftig und verpixelt.

Wenn das Bild auch leider nicht vage genug gewesen war …

Verdammt, er dachte besser nicht darüber nach, wenn er sich weiterhin zusammenreißen wollte.

Abgesehen davon war das nicht seine Angelegenheit. Amanda war erwachsen und konnte tun, was immer sie wollte und das, mit wem sie wollte – selbst wenn es sich um einen Mistkerl von Doomer handelte, der es nicht einmal verdient hatte, ihr die Scheiße vom Schuh zu lecken.

Andrew konnte keinerlei Anspruch auf sie erheben. Noch nicht.

Gott, sie nackt vor sich zu sehen, war wie ein elektrischer Schlag gewesen. Es hatte ihm das Gehirn vernebelt, bis er nur noch einen einzigen klaren Gedanken fassen konnte: diese großartige Frau zu erobern. Aber er hätte es eindeutig vorgezogen, diese Erfahrung nicht mit einem ganzen Haufen anderer Männer zu teilen, vielen Dank auch.

Mit den Unsterblichen hätte er noch leben können. Schließlich war Kian ihr Bruder und seine Leibwächter waren ihre Cousins. Bei Rodney und Jake, Andrews Kumpels, sah die Sache hingegen anders aus. Nach den vielen Jahren gemeinsamen Diensts waren die beiden für ihn wie Brüder, aber das bedeutete noch lange nicht, dass er damit einverstanden war, sie Amanda ansabbern zu sehen.

Sein einziger Trost war, dass sie sich schon bald nicht mehr an diese Nacht erinnern würden. Auch nicht an Amandas perfekten, entblößten Körper. Vor ihrem Aufbruch hatten sie sich einverstanden erklärt, sich nach Abschluss der Mission von Kian sämtliche Erinnerungen an Amandas Rettung nehmen zu lassen.

In der Hoffnung, dass Syssi und Kian inzwischen mit der Knutscherei fertig waren, warf Andrew ihnen einen flüchtigen Blick zu. Verdammt. Nicht nur, dass ihre Lippen nach wie vor miteinander verschmolzen waren, nein, Kian hatte Syssi hochgehoben und versuchte, sie hineinzutragen.

Das löste jedoch eine Diskussion aus und sie versetzte ihm einen Schlag vor die Brust; ein nutzloser Versuch, ihn dazu zu bringen, sie abzusetzen. Nach einigem Hin und Her schienen sie zu einem Kompromiss gefunden zu haben. Syssi blieb im Freien und Kian wickelte sich wie eine menschliche Decke um sie. Nun gut, nicht wirklich menschlich, aber es kam dem nah genug.

Auch wenn der Hubschrauber im Leerlauf war, verursachte er zu viel Lärm, um ihre Diskussion im Einzelnen zu verfolgen, aber ihre Körpersprache hatte genug verraten. Und es war offensichtlich, dass Syssi den großen Kerl um den Finger gewickelt hatte.

Gut so, dann war Andrew wenigstens nicht mehr der Einzige, der Wachs in ihren Händen war.

Er hatte vor langer Zeit herausgefunden, dass einem das schüchterne und zurückhaltende Auftreten seiner süßen kleinen Schwester einen falschen Eindruck vermitteln konnte. Wenn Syssi etwas wichtig war, gab sie niemals nach und es gelang ihr dann sogar, selbst die stärksten und niederträchtigsten Gestalten ihrem Willen zu unterwerfen.

Wie hieß es noch? Je höher man fliegt, desto tiefer fällt man?

Wahre Worte.

Andrew lächelte. Er war froh, dass sich die beiden Turteltäubchen so gut verstanden.

Kian war ein weiser Mann, wenn er bereits die Magie der beiden wichtigsten Bestandteile des Wortschatzes eines Manns erlernt hatte: Ja, Schatz.

Sobald Amanda ausgestiegen war und sich ein paar Schritte vom Hubschrauber entfernt hatte, streifte Syssi die schützenden Arme ihres Freunds ab und rannte auf die Freundin zu, um sie zu umarmen.

Offensichtlich war diese Umarmung genau das, was Amanda brauchte, und die beiden Frauen hielten sich lange fest.

Es schmerzte Andrew, Amandas Schultern zucken zu sehen, während sie in Syssis Armen weinte. Beim ersten Anzeichen liebevollen Mitgefühls war ihre harte Schale aufgeplatzt.

Kian war wirklich ein kolossal selbstsüchtiger Idiot.

Hätte es ihn umgebracht, Amanda zu umarmen?

Als das Schluchzen endlich nachließ, löste Amanda sich von Syssi und strich sich mit einem Finger unter den verweinten Augen entlang. Mit einem unheilvollen Blick zu Kian legte Syssi ihr den Arm um die Taille und zusammen gingen sie hinein.

Andrew ahnte, dass der große Kerl heute Nacht auf der sprichwörtlichen Couch landen würde. Nicht, dass er es nicht verdient hätte, so wie er Amanda behandelt hatte. Ungeachtet aller mildernden Umstände.

Kians finsterer Miene nach war ihm sich sehr wohl bewusst, dass er in Ungnade gefallen war. Andrew würde ihm nicht erlauben, sich an Rodneys und Jakes Gedächtnis zu schaffen zu machen, bevor er sich etwas beruhigt hatte.

Der Plan sah vor, ihnen Erinnerungen an eine nicht weiter definierte Topsecret-Mission zu geben, in deren Anschluss sie zugestimmt hatten, sich hypnotisieren zu lassen, um sie zu vergessen. Diese Lösung war nicht perfekt, aber sie bot den Jungs eine rationale Erklärung, ohne die sie schlicht den Verstand verloren hätten. Es würde sowieso schon schwer genug sein, den verlorenen Tag zu erklären. Ganz zu schweigen von der hübschen Geldsumme, die auf magische Weise auf ihren Bankkonten auftauchen würde.

Aber bis Andrew überzeugt war, dass Kian in der richtigen Verfassung für diese Aufgabe war, würden seine Kumpel Brundar und Anandur Gesellschaft leisten und im Hubschrauber auf die Trage warten, mit der der Doomer ins Gefängnis gebracht werden sollte.

Wie cool war es eigentlich, dass es hier im Keller einen eigenen Knast gab? Allein, um sich dort umsehen zu können, hätte er sich persönlich gemeldet, ihren Gefangenen nach unten zu begleiten.

Aber er musste Kian im Auge behalten, während er sich an Jakes und Rodney Gedächtnis zu schaffen machte. Letztendlich mochte das sogar faszinierender sein als das Gefängnis.

Der Keller konnte warten.

„Bleibt hier. Vielleicht wird eure Hilfe gebraucht“, sagte er zu seinen Freunden, bevor er ausstieg und auf Kian zulief.

Letzterer stand immer noch wie angewurzelt an der Stelle, an der Syssi ihn zurückgelassenhatte. Sein Ausdruck erinnerte an Rodins Statue des Denkers, auch wenn er nicht saß.

Armer Hund.

„Wie läuft es, Großer?“ Andrew warf einen flüchtigen Blick in Kians Gesicht, um nach Fangzähnen und glühenden Augen Ausschau zu halten. Aber anscheinend riss Kian sich zusammen, da Andrew keine der Anzeichen entdeckt, die verrieten, dass ein Unsterblicher sich auf die Schlacht vorbereitete – oder die Nerven verlor.

„Ist nicht gerade einer meiner besten Tage, so viel steht fest. Auch wenn ich mir wie ein Arschloch vorkomme, so etwas zu sagen. Ich sollte erleichtert sein, dankbar …“ Frustriertstrich Kian sich durch die Haare.

„Du brauchst Schlaf, Junge. Du bist erschöpft. Schlaf erst mal eine Nacht. Danach wird dir alles weniger finster vorkommen. Vertrau mir.“ Andrew drückte Kian leicht die Schulter. „Bist du in der Verfassung, dich um die Erinnerungen meiner Jungs zu kümmern? Oder sollen sie lieber heute Nacht hier schlafen und du kümmerst morgen darum?“

„Nein, alles bestens. Je schneller wir das erledigen, desto besser.“

„Wo willst du es tun?“

„Ich habe versprochen, sie nach Hause zu bringen und ihnen vor dem Einschlafen ihre Erinnerungen zu nehmen. Wir sollten das so schnell wie möglich angehen, um die Schäden an ihrem Gehirn im Rahmen zu halten. Sofort danach einzuschlafen, wird ihnen guttun.“

„Sie verstehen es bestimmt, wenn wir den Plan etwas abändern müssen. Um es dir leichter zu machen.“

„Ich bin niemand, der seine Versprechen bricht.“

„Du bist nicht in der Verfassung, um quer durch die Stadt zu fahren, nachdem du … Wie lange hast du nicht geschlafen? Zwei ganze Tage? Oder doch schon drei?“

„Ich weiß deine Sorge zu schätzen, aber es wird genauso ablaufen, wie ich es ihn versprochen habe.“

„Okay, aber unter einer Bedingung: Ich fahre.“

„Damit kann ich leben.“

Einmal mehr überraschte Kian ihn. So stur und unausstehlich er auch sein konnte, war er dennoch in der Lage, Schwäche einzugestehen und Hilfe anzunehmen.

Ein paar Minuten wurde die Trage geliefert, begleitet von einer hübschen, zierlichen Rothaarigen.

„Andrew, das ist Bridget, unsere Hausärztin, im wahrsten Sinne des Wortes“, stellte Kian sie vor. „Bridget, das ist Andrew, Syssis Bruder.“

Andrew bot ihr die Hand an und sie nahm sie, legte ihre winzige Handfläche in seine große und schüttelte sie kurz, aber überraschend kräftig. „Willkommen in unserer Welt, Andrew.“ Das breite Lächeln auf ihrem Gesicht wirkte ebenso einladend wie ihre Worte. „Ich hoffe, wir sehen uns in Zukunft öfter.“

Im ersten Moment dachte Andrew, dass sie mit ihm flirtete, straffte instinktiv die Schultern und zog den Bauch ein. Aber dann dämmerte ihm, wie unwahrscheinlich das war. Sie gab sich weder verführerisch noch kokett.

Oh richtig, sie bezog sich auf seine eventuelle Verwandlung.

Zu dumm.

„Wir werden sehen. Ich habe mich noch nicht entschieden.“

„Das hat keine Eile, nimm dir Zeit.“ Sie tätschelte leicht seinen Arm und wandte sich dann dem Gefangenen zu.

Sie musste jedoch noch warten, während Jake und Rodney den Brüdern halfen, den Ohnmächtigen aus der Kabine und auf die Trage zu bugsieren. Dann überprüfte sie seine Vitalfunktionen und erlaubte Anandur und Brundar, ihn wegzubringen. Anschließend schlenderte sie wieder zu Andrew.

Verdammt, vielleicht war sein erster Eindruck doch richtig gewesen.

Bridget gab sich keine Mühe zu verbergen, wie gründlich sie ihn musterte. „Komm zu mir, bevor du dich endgültig entscheidest. Dann unterziehe ich dich einer umfassenden Untersuchung, um deinen Gesundheitszustand festzustellen. Du möchtest sicher wissen, wo du stehst – gesundheitlich gesehen –, bevor du dich für die eine oder andere Option entscheidest.“

„Mache ich. Danke.“

Dieses Mal zweifelte Andrew nicht daran, dass die hübsche Ärztin ihn besser kennenlernen wollte, und zwar nicht nur als Patient.

Zum Teufel, warum auch nicht?

Falls es mit Amanda nicht klappte, wäre die zierliche Rothaarige eine interessante Alternative. Bridget war gar nicht übel. Ganz im Gegenteil sogar.

Andrew grinste. Beide Frauen waren definitiv auf einem höheren Niveau unterwegs, als er es gewohnt war. Nicht, dass er sonst mit Hohlbroten ausging, aber erst eine Professorin und dann eine Ärztin?

Er hätte bisher nie gewagt, sich eine der beiden zu nähern. Sie spielten weit außerhalb seiner Liga.

Wohl wahr.

Aber hey, das war gewesen, bevor er entdeckt hatte, dass er zu einer seltenen Art gehörte und von wunderschönen unsterblichen Frauen begehrt wurde.

Und wie sich herausstellte, hatte er ein Ding für Doktortitel.

Kapitel 2: Amanda 

 

Den Göttinnen sei gedankt für Syssi, dachte Amanda, als sie in Syssis Armen lag und sich das Herz herausschluchzte. Wenigstens eine Person, die sich um sie scherte und die sich freute, sie gesund wiederzusehen.

Sie hatte diese Umarmung wirklich gebraucht.

Dalhu im Hubschrauber zurückzulassen, war ihr nicht leichtgefallen. Aber er war den ganzen Flug über ohnmächtig gewesen und kurz vor der Landung hatte Anandur ihm noch einmal eine Dosis des Beruhigungsmittels gespritzt. Der Himmel wusste, wie lange es dauern würde, bis Dalhu wieder zu sich kam.

Und nun, da Kian den Hubschrauber verlassen hatte, war Dalhu auch nicht mehr in direkter Gefahr. Was später anging, konnte Amanda nur hoffen, dass Kian ihn wenigstens heute Nacht noch in Ruhe lassen würde.

„Ich habe eine Überraschung für dich“, flüsterte Syssi ihr ins Ohr, als sie den Arm um Amandas Taille legte und mit ihr zum Vestibül des Dachs ging.

„Ich weiß, Andrew hat es mir schon erzählt. Ich freue mich so für dich!“

Erneut zog Amanda Syssi in ihre Arme. Offenbar konnte sie im Moment gar nicht genug davon bekommen.

Da Kian sich zurzeit wie ein riesiges Arschloch aufführte und ihr die kalte Schulter zeigte, behandelte Syssi mit ihrer Sorge und ihrem warmen Willkommensgruß Amanda eher wie ein Familienmitglied als ihr eigener Bruder.

Syssi drückte auf den Fahrstuhlknopf und spähte zu ihr hoch. „Woher weiß Andrew … Oh Moment mal, du redest von meiner Verwandlung, oder?“

„Natürlich, Dummerchen, wovon denn sonst?“

Neugier vertrieb ihre traurigen Gedanken und Amanda entging das leise Pingen, mit dem der Fahrstuhl auf ihre Ebene glitt.

„Du wirst schon sehen.“ Syssi nahm sie an der Hand. „Die Überraschung erwartet dich in deinem Apartment.“

Einen Moment später öffneten sich die Türen. Syssi zog Amanda mit sich in die Kabine und ließ ihre Hand nicht los, bis sie vor der Tür zum Penthouse standen. „Nur zu, mach auf …“

Mit hochgezogener Braue drückte Amanda die Klinke und schob langsam die Tür auf. Hing da in ihrem Wohnzimmer etwa ein Willkommen zu Hause-Banner von der Decke? Und Luftballons? Syssi war so lieb …

Und was hatte es mit diesem vertrauten, beruhigenden Geruch auf sich?

Das kann doch nicht sein …

Ninni? Oh, beim Schicksal, ich kann es nicht glauben.“

Amanda stürzte sich in die ausgebreiteten Arme ihrer Mutter. Der Riss in ihrem innerenSperrdamm, der sich in Syssis Armen geöffnet hatte, verbreitete sich zu einem klaffenden Loch und das Wasser floss wieder.

Amanda wusste nicht, wie lange sie weinte. Sie bekam nur am Rande mit, dass ihre Mutter sie aufs Sofa zog und wie ein Baby in den Armen hielt. Sie verstand kein einziges Wort, das Annani sagte, sondern spürte nur die Wirkung ihrer leisen, beruhigenden Stimme.

Als ihr Schluchzen endlich verebbte, lag ein Haufen benutzter Taschentücher auf dem Fußboden und eine große Margarita stand auf dem Couchtisch bereit, daneben ein ovales Tablett mit verschiedenen Käsesorten und Früchten.

Es brauchte nur einen Blick auf das Tablett, um Amanda erneut in Tränen ausbrechen zu lassen.

„Was ist denn los, Liebling? Magst du den Käse nicht? Ich kann ihn von Onidu wegbringen und mit einem anderen Snack ersetzen lassen.“

Sowohl ihre Mutter als auch Syssi musterten Amanda besorgt.

„Nein, ich mag Käse, das weißt du doch … Es ist nur so, dass Dalhu …“ Hicks. „… mir auch eine Mahlzeit zubereitet hat.“ Schnief. „Aus Käse, Wein und Früchten.“ Ein weiteres Schniefen.

„Oh Schatz, das klingt doch gar nicht so schlimm. Hat Dalhu – ich nehme an, wir reden von deinem Entführer – dir nach dem Essen wehgetan? Weinst du deshalb?“

Neeeein!“ Ihr Nein war eher ein Aufheulen.

Aber nachdem sie erneut eine Weile geschluchzt und sich gründlich die Nase geputzt hatte, wischte Amanda sich die Augen trocken und leerte in zwei großen Schlucken ihre Margarita. Sie hatte sich lange genug verhätscheln lassen. Jetzt war es an der Zeit, mit der Heulerei aufzuhören und sich wie eine Erwachsene zu benehmen.

„Er hat mir nicht wehgetan. Ehrlich gesagt ist er das freigiebigste, aufmerksamste, entgegenkommendste Mann, dem ich je begegnet bin. Er hat mich wie eine echte Prinzessin behandelt, als wäre ich etwas Kostbares, und mit Sicherheit liebevoller und respektvoller als mein eigener Bruder.“

„Ich verstehe.“ Annani nickte weise.

Amanda stellte sich innerlich auf die Standpauke ein, die folgen musste. Von wegen, dass sie nicht klar denken könne, und Zeit brauche, um zur Ruhe zu kommen. Bla, bla, bla. „Und jetzt fang bitte nicht damit an, dass ich am Stockholm-Syndrom leide oder an sonst einer beschissenen psychischen Macke.“ Sie verschränkte die Arme vor der Brust, warf ihrer Mutter einen herausfordernden Blick zu und stieß ein vielsagendes Hmpf aus.

„Das wollte ich überhaupt nicht. Aber ich dulde in meiner Gegenwart weder diese Ausdrucksweise noch dieses Benehmen. Nimm die Arme runter, Amanda, du bist doch kein Kleinkind mehr.“

„Es tut mir leid. Es ist nur so, dass Kian sich mir gegenüber wie ein Arsch benommen hat, seitdem er mich mit Dalhu gesehen hat.“ Amanda konnte nicht noch mehr Zurückweisungen ertragen, besonders nicht von ihrer Mutter. Das würde sie endgültig fertigmachen. Aber sie war nicht sicher, wie Annani darauf reagieren würde, dass ihre Tochter Sex mit einem Doomer gehabt hatte. Nicht, dass sie besonders weit gekommen wären. Aber Amanda würde nicht den Bill Clinton machen und behaupten, dass Oralsex nicht zähle.

„Ich glaube, du solltest von Anfang an erzählen und uns einfach sagen, was passiert ist. Es sei denn, du bist zu müde und möchtest das lieber auf morgen verschieben.“ Annani ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit der zweiten Handfläche. „Du bist meine Tochter, Amanda, und ich liebe dich, egal, was kommt oder passiert ist. Nichts, was du sagst, wird etwas daran ändern.Du musst also keine Angst haben, deine Last mit mir zu teilen. Dafür sind Mütter da.“ Sie richtete sich auf und küsste Amanda auf die Wange.

„Versprichst du mir, dass du nicht böse wirst?“

„Ich verspreche es. Aber du siehst müde aus und wir können wirklich bis morgen warten.“

„Ich bin ziemlich fertig, aber ich kann bestimmt nicht schlafen, bevor ich nicht weiß… Bis ich mir sicher bin, dass du mich nicht hasst für das, was ich getan habe.“

Amanda schniefte und ließ das Gesicht in die Hände sinken.

„Nun komm schon, Kind. Kein Grund, so dramatisch zu werden. Du kannst mir alles erzählen.“

„In Ordnung.“ Amanda schloss die Finger um den Stiel des zweiten Margarita-Glases, das Onidu ihr reichte. „Danke.“ Sie versank in den gemütlichen Sofakissen und verschränkte die Beine.

„Nachdem ich mich im Restaurant von Syssi und ihrem Bruder verabschiedet habe, bin ich zum Juwelier gegangen. Ich wollte ein Duplikat des Anhängers anfertigen lassen, den Syssi mir geschenkt hat. Weißt du, ursprünglich war er ein Geschenk von Andrew zu ihrem sechzehnten Geburtstag.“ Sie sah ihre Mutter an. „Ich wollte nicht, dass sie Schwierigkeiten bekommt, weil sie ihn mir überlassen hat. Aber das muss Schicksal gewesen sein, denn nur dank des Anhängers konntet ihr mich überhaupt finden. Offensichtlich hatte Andrew einen Sender darin installiert, ohne dass Syssi davon wusste.“

Seufzend wandte Amanda sich an Syssi. „Er ist so lieb. Du hast ein Glück, einen Bruder zu haben, dem du so viel bedeutest.“

Syssi verschluckte sich beinahe an ihrer Margarita.

„Andrew? Lieb? Reden wir von demselben Mann?“

„Ja, er ist wundervoll. Als Kian mich wie Dreck behandelt hat, war Andrew derjenige, der gefragt hat, wie ich mich halte und mir seine Unterstützung angeboten hat.“

„Wenn du das sagst.“ Syssi kicherte.

„Ich weiß, es war nicht besonders nett von Andrew, dir nicht zu sagen, dass ein Sender in dem Anhänger versteckt ist. Aber er wollte nur dein Bestes. Wenn du an meiner Stelle entführt worden wärst, wärst du ihm sicher dankbar, dass man dich finden konnte.“

„Natürlich, ich bin ihm ja auch dankbar. Als ich begriffen habe, wie wichtig der Sender ist, habe ich Andrew sogar gesagt, dass er mein Held ist. Ohne den Anhänger hätten wir keine Ahnung gehabt, wo wir dich suchen sollen.“

„Das also dazu. Du kannst von ihm halten, was du willst, aber für mich ist er der liebe Andrew.“ Amanda zuckte mit den Schultern. „Aber zurück zu meiner Geschichte. Ich habe also das Geschäft betreten. Mir ist sofort ein köstlicher Geruch aufgefallen. Irgendwie männlich, faszinierend und beruhigend zugleich, wie Katzenminze wie für eine Katze. Ich habe mich umgeschaut, um herauszufinden, woher er stammt, und da habe ich ihn gesehen: einen hinreißenden, riesigen Mann. Ich habe nur einen Moment gebraucht, um zu begreifen. Er war ein Unsterblicher, aber keiner von uns, als musste er ein Doomer sein. Aber dieser Bruchteil einer Sekunde zwischen meiner Erkenntnis und dem Befehl an meine Beine, sich in Bewegung zu setzen, hat schon gereicht. Er ist auf mich zugesprungen und hat seine riesige Hand um meinen Hals gelegt.“

Amanda war jetzt richtig in Fahrt und genoss die atemlose Anspannung ihres kleinen Publikums.

„Ich hatte furchtbare Angst. Ich dachte, er würde jeden Moment fester zupacken und mich würgen. Stattdessen hat er mich gebissen.“

Sie hielt inne, um einen Schluck zu trinken. Ihr Blick huschte von Syssi zu ihrer Mutter, die mit jedem neuen und aufregenden Detail näher an die Kante ihrer Sitzkissen gerutscht waren.

„Es war unglaublich. Ich habe mir so lange ausgemalt, wie sich der Biss eines Unsterblichen anfühlen mag, aber es war sogar noch besser als in meiner Fantasie. Meine Beine haben sich in Wackelpudding verwandelt, sodass ich mich an ihn lehnen musste. Es ist mir peinlich, es zuzugeben, aber ich wollte seine Hände überall spüren.“ Amanda lächelte verlegen. „Ich habe ihn sogar angefleht, mich zu berühren. Aber er hat sich geweigert und gemeint, dass er das nur tun würde, wenn ich ihm bei klarem Verstand mein Einverständnis gebe. Könnt ihr euch das vorstellen? Er hat Nein gesagt. Zu mir!“ Sie zeigte sich auf sich und grinste zufrieden, als sie die schockierten Mienen ihrer Zuhörerinnen bemerkte. „Dann hat er sich um die Frau hinter dem Tresen gekümmert und sie bezaubert, ohne ihr auch nur in die Augen zu sehen. Beeindruckend, oder?“

Ihre Mutter nickte. „Tatsächlich.“

„Nachdem er mit einem Typ im Einkaufszentrum das Auto getauscht hatte, hat er mich in dieses Motel gebracht und mit Handschellen ans Bett gefesselt. Normalerweise hätte ich einfach den Bettrahmen zerbrochen, um mich zu befreien, aber ich war noch ganz benommen vom Gift und so geil, dass ich dachte, ich verliere den Verstand.“

Syssi verschluckte sich und spuckte ihre Margarita quer über den Couchtisch. „Tut mir leid.“ Sie hustete. „Ich vergesse immer wieder, wie selbstverständlich ihr mit so etwas umgeht.“

„Schon gut, Süße. Nichts passiert“, versicherte Annani ihr und tätschelte ihr das Knie. „Weiter, Amanda.“

„Also, ich bin vor Lust durchgedreht … Alles klar, Syssi?“ Amanda sah sich nach ihr um. Die Wangen der Armen waren so rot, als stünden sie in Flammen.

„Ja, alles bestens. Weiter“, krächzte Syssi und legte das kühle Glas an ihr heißes Gesicht.

„Ich habe ihn sogar verflucht, weil er mir die Erleichterung verweigert hat, die ich brauchte. Er hatte überhaupt keine Ahnung von unsterblichen Frauen, aber als er begriffen hat, dass ich wirklich leide, hat er mir ein Beruhigungsmittel gegeben und gesagt, dass er noch Zeug aus der Unterkunft holen muss, die er sich mit den anderen Doomern geteilt hat. Wo immer die auch sein mochte. Er muss sich darum gekümmert haben, solange ich geschlafen habe, denn als ich aufgewacht bin, war er wieder da. Ich habe ihn gefragt, was er von mir will.“

Syssi verdrehte die Augen. „Na, was wohl?“

„Ja, genau das dachte ich. Aber es ging nicht um Sex. Dalhu hatte andere Vorstellungen.“

„Er wollte keinen Sex? Ist er schwul?“, unterbrach Syssi sie.

„Nein, ist er nicht. Er hat gesagt, er will eine gemeinsame Zukunft, dass ich seine Frau werde, seine Gefährtin, dass wir zusammen Kinder großziehen.“

„Und was hast du geantwortet?“, hakte ihre Mutter behutsam nach.

„Ich habe ihm natürlich gesagt, dass er spinnt. Dass es keine Möglichkeit gibt, unsere Differenzen zu überbrücken.“ Amanda seufzte. Wenn das ihr einziges Problem gewesen wäre, würde sie jetzt nicht hier mit ihrer Mutter und Syssi herumsitzen und Geschichten erzählen, sondern ihren Mann genießen. „Und gar nichts erst davon zu reden, dass wir der schlimmste Feind des anderen sind.“ Das stimmte allerdings nicht mehr. Dalhu hatte sich ihr verschworen.

„Wisst ihr, was er geantwortet hat?“

„Was denn?“, fragten Syssi und Annani gleichzeitig.

„Er hat gesagt, dass er alles tun würde, um mein Herz zu erobern. Die Bruderschaft verlassen, unsere Ziele unterstützen und schlicht alles, was ich von ihm verlange. Außer mich freizulassen, heißt das.“

„Wow, das ist ... äh … irgendwie romantisch. Verrückt, aber romantisch.“ Syssi blinzelte, als befürchtete sie, dass ihre Bemerkung nicht gut ankommen könnte.

„Ich weiß. Aber ich habe ihn trotzdem gefragt, wie er meint, dieses unmögliche Ziel erreichen zu können. Er meinte, wir würden gemeinsam weglaufen und uns irgendwo verstecken, wo wir Zeit miteinander verbringen und uns kennenlernen können. Ich habe ihn für vollkommen verrückt gehalten. Aber welche Wahl hatte ich denn? Stimmt’s? Er ist mit mir zu dieser abgelegenen Hütte oben in den Bergen gefahren. Unterwegs ist er in einen Laden eingebrochen, um Vorräte zu besorgen. Aber wartet es ab …“ Sie legte eine dramatische Pause ein. „Er hat dafür bezahlt. Er hat Bargeld auf den Tresen gelegt, um den Verlust auszugleichen.“

Sie hätte Annanis überraschte Miene als befriedigend empfinden sollen, aber das war nicht der Fall. Amandas dramatische Erzählungen zeigten nicht ihre übliche Wirkung. Tatsächlich hatte sie sogar das Gefühl, sich kindisch und dumm zu verhalten. Aber offensichtlich waren alte Gewohnheiten nur schwer abzustreifen. Amanda wäre einfach nicht mehr sie selbstgewesen, wenn sie auf Tusch und Fanfaren verzichtet hätte. „Es war mir da noch nicht bewusst, aber das war der Wendepunkt. Sein Verhalten hat mich fasziniert. Ich habe Fragen gestellt und er hat mir von sich erzählt. Er hat aber nicht versucht, sich in gutem Licht darzustellen, und offen zugegeben, dass er während seines langen Lebens oft getötet hat. Aber mir ist dabei etwas Bemerkenswertes aufgefallen. Trotz allem, was er durchgemacht hat, gibt es immer noch einen kleinen Funken Licht in ihm. Und Ehrgefühl.“

„Wie alt ist er?“, fragte Annani.

„Über achthundert Jahre.“

„Nach euren Maßstäben ist das nicht alt“, meinte Syssi.

„Aber auch nicht jung. Weiter, Amanda. Ich möchte den Rest der Geschichte hören.“

„Wir sind bei der Hütte angekommen und gefühlsmäßig war das eine richtige Achterbahnfahrt für mich. In manchen Augenblicken hatte ich Angst vor ihm, dann gab es wieder Momente, in denen ich ihn mochte. Eine Zeitlang hatte ich vor, ihm eine Schaufel über den Kopf zu ziehen, aber ich konnte mich nicht überwinden, weil er so unglaublich nett zu mir war. Er hat mir sogar angeboten, euch eine Warnung zu schicken, weil seine ehemaligen Chefs Verstärkung nach Los Angeles schicken, um uns zu jagen. Was mich daran erinnert, dass ich unbedingt mit Kian reden muss, so wenig ich das auch will.“

„Was ist zwischen Kian und dir vorgefallen?“, fragte Annani.

„Da komme ich gleich hin. Während unserer gemeinsamen Zeit hat Dalhu genau das getan, was er versprochen hat: einfach alles, um mein Herz zu erobern. Und wisst ihr was? Er hat sich verdammt gut angestellt. Natürlich hat es nicht gerade geschadet, dass er so heiß ist. Sehr groß, herrlich gebaut und tierisch sexy. Oder die Tatsache, dass jedes Mal meine Hormone mit mir durchgegangen sind, wenn er in der Nähe war. Ich habe mich dagegen gewehrt, aber er hat nach und nach meinen sowieso schon mageren Widerstand zum Wanken gebracht, egal, wie sehr ich versucht habe, ihn aufrecht zu erhalten. Irgendwann gestern Abend habe ich nachgegeben und zugelassen, dass Dalhu mich verwöhnt. Und es wäre nicht dabei geblieben, aber gerade als ich mich von dem fantastischsten Höhepunkt erholt habe, den ich je hatte, hat Kian ein Loch in die Wand gesprengt und ist wie ein Rachedämon in die Hütte gestürmt.“

„Oh Scheiße“, rutschte es Syssi heraus. „Entschuldigung.“ Sie warf Annani einen Seitenblick zu.

„Nein, Oh Scheiße trifft es in diesem Fall sehr gut, Syssi.“ Annani stand auf und begann auf bloßen Füßen umherzuwandern. „Ich kann mir vorstellen, was danach passiert ist, aber bitte erzähl weiter.“

„Ich muss mir das Herz aus dem Leib geschrien haben, als ich gekommen bin, und Kian scheint davon ausgegangen zu sein, dass ich gefoltert werde.“

Syssi schnaubte. „Tut mir leid … Ich konnte nicht anders.“

„Und als ob meine Schreie noch nicht gereicht hätten, um Kians Blutdruck in die Höhe schießen zu lassen, hatte Dalhu mir auch noch sein Hemd um die Handgelenke gebunden … Wir haben ein Spiel gespielt, versteht ihr?“ Amanda schielte verlegen zu Syssi, dann zu ihrer Mutter. „Kian konnte sowieso schon nicht mehr klar denken, also hat der Blödmann auch keinen Gedanken daran verschwendet, dass ein Stück Stoff kaum reicht, um mich zu fesseln. Er hat Dalhu angegriffen, der sich aber nur verteidigt hat, während er gleichzeitig versucht hat, mich zu beschützen. Ich habe eine Weile gebraucht, um wieder zu mir zu kommen, und als es so weit war, steckten Kians Zähne in Dalhus Kehle. Er wollte sie ihm gerade herausreißen.“

Syssi keuchte. „Oh mein Gott!“

„Ich wusste, dass es nichts bringen würde, ihn anzuschreien, dass ich Dalhu so nicht schnell genug retten konnte. Also habe ich das Einzige getan, was mir übrig blieb: Ich habe die Fesseln zerrissen, bin Kian auf den Rücken gesprungen und habe mit aller Kraft seinen Kopf zurückgerissen, während ich ihn angebrüllt und bedroht habe. Irgendwann hat er losgelassen. Ich habe versucht, ihm zu erklären, dass ich vor Lust geschrien habe, nicht vor Schmerzen, und dass Dalhu mich zu nichts gezwungen hat.“

Bei der Erinnerung an Kians angewiderte Miene drehte sich Amanda der Magen um. Sie griff nach ihrer dritten Margarita und leerte sie in einem Zug.

„Ihr hättet sehen sollen, wie Kian mich angeschaut hat“, flüsterte sie. „Als würde er sich vor mir ekeln. Und dann, als könnte er es keine Sekunde länger ertragen, mich anzusehen, hat er Anandur befohlen, Dalhu zu fesseln, und ist rausgestürmt. Seitdem hat er kein Wort mit mir gesprochen und mich nicht einmal angesehen.“ Ihr Kinn begann zu zittern und Tränen rannen über ihre Wangen.

Syssi setzte sich neben sie und zog sie in ihre warmen Arme. „Er kommt schon darüber hinweg. Du weißt doch, dass er dich liebt.“

„Da bin ich mir nicht mehr sicher. Ich habe ihm schon früher oft Grund gegeben, sauer auf mich zu, aber so hat er sich noch nie aufgeführt.“

Für einen langen Moment herrschte Schweigen, während ihre Mutter und Syssi nachdachten. Zweifelsohne überlegten sie, wie sie ihr helfen könnten, Kians Wohlwollen zurückzugewinnen.

Viel Glück dabei …

„Die Frage ist doch gar nicht, ob Kian über Amandas Affäre mit dem Doomer hinwegkommt. Es geht viel mehr darum, ob Amanda das schafft. Wie geht es dir jetzt damit, Liebling?“ Ihre Mutter musterte sie aus uralten, wissenden Augen.

Sie hatte recht, das war die wichtigere Frage, und obwohl Amandas Verstand sich noch schwertat, kannte ihr Bauchgefühl bereits die Antwort.

Aber würde sie das ihnen eingestehen? Ja, würde sie.

Amanda war niemand, der schnell den Schwanz einzog, und sie hatte nicht vor, so zu tun, als könne sie die ganze Geschichte hinter sich lassen, wenn sie das gar nicht vorhatte.

„Nein, ich werde nicht einfach darüber hinwegkommen. Noch nicht, und schon gar nicht nur deshalb, weil Kian nicht damit einverstanden ist. Ich behaupte nicht, mich in Dalhu verliebt zu haben, aber ich habe definitiv etwas gespürt.“

Sie richtete den Blick auf Annani, als sie fast flüsternd fortfuhr: „Da war diese Vertrautheit, eine Verbindung, die ich noch nie zuvor bei einem Mann gespürt habe.“ Sie seufzte. „Verdammt, bisher war das Einzige, was ich je für einen Mann empfunden habe, Lust und sobald meine Bedürfnisse befriedigt waren, konnte ich es nicht erwarten, ihn wieder loszuwerden.“

Amanda stand auf, ging hinüber zur Bar und schenkte sich einen weiteren Drink ein. „Vielleicht läuft es einfach auf unsere unsterblichen Hormone hinaus. Oder die Sache ist doch komplizierter und ich spüre die ersten Anzeichen einer ernsthaften Verbindung, aber ich hätte gern die Gelegenheit herauszufinden, was genau dahinter steckt.“ Mit dem Glas in der Hand setzte sie sich wieder. „Aber wie? Das ist alles ein solches Durcheinander. Kian hat Dalhu irgendwo im Keller eingesperrt. Und auch wenn ich glaube, dass Dalhus Versprechen ehrlich gemeint waren, will ich auf keinen Fall vorschlagen, einen Doomer, selbst einen Ex-Doomer, frei hier herumlaufen zu lassen. Oder dass wir ihn mit offenen Armen empfangen und in der Familie willkommen heißen sollen. So naiv bin ich nicht.“ Amanda lehnte sich in die weichen Kissen und schloss die Augen.

Sie war so verdammt müde.

Ihre Mutter streichelte mit ihrer kleinen Hand Amandas Wange. „Verzweifle nicht, Kind. Es ist eine schwierige Situation, aber sie ist nicht unlösbar.“ Annani ergriff Amandas Hände. „Wir drei. Wenn wir uns zusammentun, können wir die ganze Welt erobern, oder?“ Sie wartete, bis Amanda nickte. „Dann sollte es für uns also auch nicht zu schwierig sein, dieses Durcheinander zu entwirren. Stimmt ihr mir zu?“

„Absolut.“ Syssi stand auf und schloss sich Annani an, indem sie die Hand über ihre legte. „Komm schon, Amanda. Schlag auch ein.“ Sie warteten ab, bis Amanda ihre eigene Hand auf den Stapel gelegt hatte.

„Danke. Eure Unterstützung bedeutet mir die Welt.“ Amandas Stimme brach. Ihre Mutter hatte recht. Solange sie zusammenhielten, würden sie eine Lösung finden.

Annani zog ihre Hand zurück. „Auch wenn ihr bestimmt genauso sehr darauf aus seid, sofort loszulegen, werden unsere Pläne für die Weltherrschaft bis morgen warten müssen. Es ist schon spät und Amanda muss sich von ihrem Abenteuer erholen.“ Sie zwinkerte und tätschelte Syssis Hand, dann zog sie an Amandas Arm. „Komm, schaffen wir dich unter die Dusche und dann auf direktem Weg ins Bett.“

Es störte Amanda weder, dass Annani sie wie ein kleines Kind bei der Hand nahm – ganz und gar nicht – noch fragte sie sich, warum es sich so verdammt gut anfühlte, wieder von ihrer winzigen Mutter herumkommandiert zu werden.

„Gute Nacht, Syssi, so wenig auch davon übrig sein mag. Morgen setzen wir uns wieder zusammen“, sagte Annani über die Schulter gewandt, bevor sie den Flur zu Amandas Schlafzimmer entlangging.

„Gute Nacht“, rief Syssi ihnen nach und kurz darauf hörte Amanda, wie sich leise die Wohnungstür öffnete und wieder schloss.

Syssi war wirklich eine gute Freundin.

Vielleicht konnte sie Kian wieder zu Verstand bringen. Wenn jemand eine Chance, etwas gegen seine ablehnende Haltung zu unternehmen, dann Syssi. Andererseits war sie oft so zaghaft, dass sie vielleicht nicht dafür geschaffen war. Syssi ging Konfrontationen lieber aus dem Weg. Verdammt, sie hatte sich nicht einmal gegen David zur Wehr gesetzt, der sie auf der Arbeit mit seinen groben, unerwünschten Avancen gequält hatte. Schließlich war es so weit gekommen, dass Syssi Angst gehabt hatte, ihn um Hilfe beim Programmieren zu bitten, obwohl sie sie dringend gebraucht hatte.

Vielleicht wäre es eine gute Idee, David durch jemanden zu ersetzen, mit dem Syssi sich wohler fühlte. Professor Goodfellow hätte sicher nichts dagegen, ihn Amanda abzunehmen. Auch, wenn er ein unangenehmer Zeitgenosse war, war David auch ein guter Programmierer und von denen gab es nicht viele. Jeder, der sich auch nur halbwegs mit Computern auskannte, arbeitete für die großen Technologiekonzerne und verdiente dort das Doppelte von dem, was die Universität anbieten konnte.

Ja, das war eine gute Idee. Und wenn sie schon dabei war, sollte sie auch mehr Personal für ihr übersinnliches Nebenprojekt anheuern – oder eher für ihr Hauptprojekt, so weit es sie betraf. Aber für die Universitätsleitung musste sie den Schein wahren und vernünftige Ergebnisse auf ihrem offiziellen Forschungsgebiet erzielen. Zum Glück verfügte sie über ihre eigenen finanziellen Mittel und musste sich vor niemanden verantworten, wenn sie Personal einstellte.

Nun, da sich ihre Hypothese, dass Schlummernde oft übersinnliche Fähigkeit besaßen, als richtig erwiesen hatte, wollten sie die Stützräder abschrauben und das Projekt richtig in Gang bringen.

Morgen würde sie mit Syssi reden. Gemeinsam würden sie einen Plan entwerfen, wie sie die Suche nach Schlummernden beschleunigen konnten.

Kapitel 3: Dalhu

Dalhu erwachte in einer dunklen, schäbigen Zelle, oder zumindest glaubte er das. Aber sobald er die Hand hob, um auf seine Armbanduhr zu schauen, flammte ein brutal helles Licht auf.

Was zum Teufel? Haben die hier einen verdammten Bewegungsmelder installiert?

Nach einigen Sekunden hatten sich seine Augen an das Licht gewöhnt und er sah sich rasch um, um seine Umgebung zu erfassen. Der fensterlose Raum war winzig, vielleicht eineinhalb Meter breit und zwei Meter lang und abgesehen von der Matratze, auf der er lag, leer. Im hinteren Ende schloss sich ein Toilettenbereich an, der vielleicht noch einmal eineinhalb Meter lang war und durch eine niedrige Wand aus halbdurchsichtigen Glassteinen von der Zelle abgetrennt war, sodass man etwas Privatsphäre hatte.

Mehr oder weniger Standard für eine Einzelzelle.

Abgesehen von der Tür, die ein echtes Monster war. Sie war mindestens dreißig Zentimeter breit. Das wusste er, weil sich im unteren Bereich eine kleine Glasklappe befand und dahinter, einen Fuß breit entfernt, eine zweite.

Er saß also in Einzelhaft und sie wollten ihn durch die Durchreise mit Essen versorgen. Klug.

Nichtsdestotrotz hatte er Schlimmeres erwartet.

Verdammt, das hier war Luxus im Vergleich zu manchen Unterkünften, in denen er in der Vergangenheit gelebt hatte. Und zwar nicht als Gefangener. Der Raum war sauber, frei von Schimmel und die Matratze stank nicht. Das Laken war sauber und sie hatten ihm sogar eine warme Decke überlassen. Beides roch neu.

Darüber hinaus gab es natürlich die unvermeidlichen Kameras, die so hoch unter der Decke angebracht waren, dass selbst er sie nicht erreichen konnte.

Wirklich geschickt. Es gab nichts, was er als Waffe verwenden konnte, und auch keine echte Privatsphäre.

Er würde innerhalb kürzester Zeit den Verstand verlieren.

Er fühlte sich an eine Szene aus einem albernen Film erinnert, den er einmal gesehen hatte. Rocketman, wenn Dalhu sich richtig erinnerte. Darin war ein Möchtegern-Astronaut für vierundzwanzig Stunden in einem Container vergleichbarer Größe untergebracht worden, um sich auf eine Mission im All vorzubereiten. Er hatte sich die Zeit vertrieben, indem er gesungen und mit seinen Socken ein Puppentheater veranstaltet hatte. Nebenbei hatte erseinen Mitbewerber im Container nebenan in den Wahnsinn getrieben.

Vielleicht sollte Dalhu dasselbe versuchen. Das Problem war nur, dass er keine Songs kannte und keine Socken trug.

Großartig. Damit bestand die einzige Möglichkeit, sich zu unterhalten, darin, an seine bevorstehende Folter und Hinrichtung zu denken.

Oder noch schlimmer: Folter und lebenslängliche Inhaftierung. Mit einem unterdrückten Seufzen stand Dalhu auf und sah sich im Toilettenbereich um. Zu seiner angenehmen Überraschung entdeckte er in einer Nische über dem Waschbecken eine neue Zahnbürste und einen batteriebetriebenen Rasierapparat. Es gab keinen Spiegel, aber den brauchte er auch nicht. Er putzte sich die Zähne, rasierte sich und duschte, bevor er sich wieder seine alten Sachen anzog.

Als er in die Zelle zurückkehrte, fiel ihm zuerst das Tablett mit Essen in der Durchreiche hinter der kleinen Glastür auf. Er holte es hervor und setzte sich auf die Matratze, das Tablett vor sich auf dem Boden.

Erneut war er angenehm überrascht. Der Kaffee war hervorragend und die beiden Sandwichs waren dick mit kaltem Aufschnitt belegt. Eine anständige Mahlzeit.

Vielleicht war das das Schlimmste, was seine reichen Gefängniswärter ihm anbieten konnten. Er bezweifelte, dass sie ihm besonders viel Mitleid entgegenbrachten oder sich darum scherten, ihn anständig zu behandeln. Es sei denn, dies war seine Henkersmahlzeit.

Aber falls das der Fall sein sollte, hätten sie ihm zumindest ein saftiges Steak servieren können. Und einen starken Drink.

Ob er zu hoffen wagen durfte, dass Amanda dahintersteckte?

Nee, er kannte sie besser. Sie hätte sich nicht um Essen gekümmert. Wenn überhaupt, wäre sie auf der anderen Seite der Tür aufgetaucht und hätte verlangt, ihn zu sehen.

Ja, als bestünde auch nur die geringste Chance, dass er ihr so viel bedeutete – genug, um sich gegen ihren Bruder zu stellen.

Dalhu fragte sich, ob sie ihn besuchen würde – wenigstens ein einziges Mal, um sich zu verabschieden –, oder ob sie ihn vergessen und ihn hier allein verrotten lassen würde.

Schließlich hatte sie nie behauptet, Gefühle für ihn zu haben. Und da Sex für sie genauso bedeutungslos war, wie er für ihn früher gewesen war …

Doch bei ihr war alles anders gewesen. Eine Erfahrung, die sein Leben verändert hatte. Er war bei Amanda ein anderer Mann gewesen und nicht nur in seinem Umgang mit ihr, sondern auf einer tieferen Ebene …

Er hatte das Gefühl, in jener Hütte neu geboren worden zu sein, eine neue Gestalt angenommen zu haben, um zu dem Mann zu werden, den sie brauchte.

Trotzdem war es gut möglich, dass es eine einseitige Erfahrung gewesen war.

Sicher, sie hatte ihn gegen ihren Bruder verteidigt. Aber es war ein großer Unterschied, ob sie ihn lediglich nicht tot sehen wollte oder ob sie mit ihm zusammen sein wollte.

Ja.

Es war an der Zeit, aus seinen Träumen aufzuwachen und sich der düsteren Realität zu stellen. Er musste wieder zu dem werden, der er vorher gewesen war. Skrupellosigkeit und Kälte würden ihn überleben lassen, Romantik und ein weiches Herz nicht.

Nachdem er seinen neuen Schatz an Gefühlen und Erinnerungen sortiert hatte, würde er sie in dem winzigen Bereich seines Gedächtnisses verschließen, das er für die guten Erfahrungen seines Lebens reserviert hatte.

Dalhu trank den Kaffee aus und brachte das Tablett in die Durchreiche, dann kehrte er zurück zur Matratze.

Den Rücken gegen die Wand gelehnt und die Ellbogen über den angezogenen Knien verschränkt, vergrub Dalhu das Gesicht in den Armen und versank in seinen kostbaren Erinnerungen.

Lange Zeit lang waren es nur die Bilder seiner Mutter und Schwester gewesen, die verhindert hatten, dass er den Verstand verlor und sich der ihn umgebenden Dunkelheit ergab. Das Echo des Kicherns seiner Schwester, der Anblick des gutmütigen, liebevollen Lächelns seiner Mutter, hatten ihn durch dunkle Zeiten getragen und er hatte sich jahrzehntelang verzweifelt an ihnen festgehalten. Aber sie waren dazu verdammt, irgendwann unweigerlich zu verblassen.

Amanda hatte ihm neue Erinnerungen geschenkt.

Er hatte nur wenig Zeit mit ihr verbracht, sodass er es nur einige wenige kostbare Erinnerungen waren, doch er war dankbar für jede einzelne.

Abgesehen von dem, was er mit Amanda erlebt hatte, und dem, was er einst mit seiner Familie geteilt hatte, gab es nichts in seinem Leben, dass es wert gewesen wäre, sich daran zu erinnern.

Verdammt, er hätte bares Geld bezahlt, um den größten Teil von dem Mist zu vergessen, den er hinter sich hatte.

Sein neuer Schatz würde ihn jedoch für lange Zeit am Leben halten. Vorausgesetzt, dass er nicht hingerichtet wurde. Aber nur für den Fall, dass er überleben sollte, wollte er jedes kleine Detail aus seiner Zeit mit Amanda in sich bewahren.

Dark Enemy Gefangen