Dark Warrior
Dein Versprechen
Dark Warrior
Dein Versprechen
Nathalie
„Verdammt!“ Nathalie knallte die Ofentür zu.
„Was ist passiert?“ Jackson steckte den Kopf in die Küche. „Brauchst du Hilfe?“
„Nein, geh zurück an den Tresen,“ fauchte sie ihn an.
Er zog eine blonde Augenbraue hoch, gehorchte jedoch.
Seufzend stützte Nathalie sich in Ofenhandschuhen gegen den Arbeitstisch und ließ den Kopf hängen.
Sie war heute Morgen furchtbar gereizt, und zwar nicht nur, weil sie letzte Nacht keine drei Stunden Schlaf bekommen hatte. Seit Andrews eigenartiger Bemerkung gestern überschlugen sich ihre Gedanken. Sie konnte Jackson nicht mehr ansehen, ohne sich zu fragen, was Bhathian und er vorhatten – und damit letztendlich auch Andrew.
Warum hatte keiner von ihnen bisher erwähnt, dass sie miteinander verwandt waren?
„Sandwich Nummer zwei, mit Mayo“, rief Jackson von nebenan, statt reinzukommen oder ihr die neue Bestellung an der Tür durchzugeben. Ihre gereizte Antwort musste ziemlich biestig rübergekommen sein, um einen Jungen abzuschrecken, der sich vor nichts zu fürchten schien.
Gut so. Sie war heute nicht in Stimmung für sein hübsches Gesicht und seinen aufgesetzten Charme.
Ihr Vater hatte letzte Nacht einen seiner Anfälle gehabt und sie gegen zwei Uhr geweckt. Er war in ihr Zimmer gekommen und hatte behauptet, er könne nicht schlafen, weil ein Fremder bei ihm im Bett liegen würde. Keines ihrer Argumente hatte ihn vom Gegenteil überzeugen können. Letztendlich hatte sie nachgegeben und seine Decke und sein Kissen auf die Couch gebracht.
Seitdem hatte sie wach in ihrem Bett gelegen.
Du hättest ihm schon vor Monaten einen Platz im Pflegeheim besorgen sollen.
Oh verdammt, Tut. Er war wieder da.
Was konnte sonst noch schiefgehen? Warum konnte sie in ihrem elenden, beschissenen Leben kein einziges Mal durchatmen?
Sie hatte geglaubt, mit Andrew den idealen Mann gefunden zu haben, mit dem sie ihr Leben verbringen konnte. Nur um zu entdecken, dass er etwas vor ihr verbarg – zum Beispiel die Tatsache, dass Bhathian und Jackson mit ihm verwandt waren. Außerdem wurde sie das Gefühl nicht los, dass er sich nur an sie herangemacht hatte, um an Informationen über ihre verschwundene Mutter zu gelangen.
Dann war sie davon ausgegangen, in Jackson die perfekte Aushilfe fürs Café gefunden zu haben, nur um festzustellen, dass er Teil der Verschwörung war.
Schließlich hatte sie geglaubt, dass Bhathian ein wunderbarer neuer Freund war. Ein Mann, der ihr selbstlos aushalf, einfach, weil er ein gutes Herz hatte. Aber auch er gehörte zu ihnen und hatte anscheinend andere Motive.
Aber Tut gab ihr den Rest. Er hatte so lange geschwiegen, dass sie gehofft hatte, ihn los zu sein. Danach hätte sie nur noch Sage loswerden müssen. Das hätte bedeutet, dass es ihr besser ging. Aber ihre Hoffnungen hatten sich zerschlagen.
Sie war genauso verrückt wie immer.
Verdammt noch mal. Selbst wenn sich ihre Verdächtigungen gegen Andrew als Paranoia erwiesen, auf was für eine Zukunft durfte eine durchgeknallte Irre wie sie mit einem Mann wie ihm hoffen?
Die verrückte Nattie würde nie ein normales Leben führen können. Sie würden nie heiraten und nie Kinder haben. Sie würde allein alt werden und sich zur Gesellschaft einen Haufen Katzen halten.
Dummerweise war sie allergisch gegen Katzen und eine alte Hundedame wurde dem Klischee nicht halb so gut gerecht wie eine alte Katzendame.
Heiße Tränen brannten ihr in den Augen und liefen ihr über die Wangen. Sie flüchtete aus der Küche, nur für den Fall, dass jemand hereinkam und sie wie eine Irre heulen sah. Und als wären die Tränen nicht schlimm genug, konnte sie auch das Schluchzen nicht mehr unterdrücken, das in ihrer Kehle aufstieg.
Scheiße. Sie konnte nicht atmen.
Die Toilette im Erdgeschoss lag am nächsten, aber sie wurde von den Gästen benutzt und bot nicht viel Privatsphäre. Besonders, wenn man sich die Augen ausheulte und unkontrolliert schluchzte. Damit blieb nur das Bad oben.
Nathalie ließ die Ofenhandschuhe an der Treppe fallen und rannte nach oben, um sich in ihrem engen Refugium einzuschließen.
Haben wir wieder unsere dramatischen fünf Minuten? Tuts sarkastischer Tonfall war wie ein Schlag in den Magen. Widerlicher, hinterhältiger Mistkerl, nach ihr zu treten, wenn sie schon am Boden lag.
„Du bist so ein Arschloch.“ Nathalie klappte den Toilettendeckel herunter und setzte sich.
Und du reagierst über, weil du müde bist. Das ist nicht das erste Mal. Du neigst zu Depressionen, wenn du nicht genug Schlaf bekommst.
„Halt die Klappe. Halt einfach die Klappe. Ich habe im Augenblick keinen Nerv für diesen Irrsinn.“ Sie ließ den Kopf in die Hände sinken.
Du bist nicht verrückt. Du hast eine Gabe, sagte er sanft.
„Behauptet die Stimme in meinem Kopf.“
Was, wenn ich es dir beweise?
„Wie?“
Indem ich dir etwas sage, das sonst niemand weiß.
„Nur zu, ich höre.“ Tut war so ein Spinner. Jahrelang hatte er behauptet, er dürfe ihr nicht verraten, weil er damit gegen die Regeln verstieß.
Columbus hat Amerika nicht entdeckt.
Nathalie verdrehte die Augen. „Das weiß jeder. Die Wikinger waren zuerst hier.“
Tut lachte leise. Eigentlich war immer bekannt, wo Amerika liegt. Mehrere Völker haben über die Jahrtausende den Atlantik überquert. Nur die Europäer zu Columbus’ Zeit hatten keine Ahnung.
„Das mag stimmen oder auch nicht. Es bringt mir jedenfalls nicht, weil ich es nicht beweisen kann. Du musst mir etwas Konkreteres liefern, etwas Persönliches, nicht etwas, das man in Geschichtsbüchern nachschlagen kann.“
Tut mir leid. Ich bin schon viel zu lange tot. Alles, was ich dir erzählen kann, ist für dich längst Geschichte.
„Verdammt praktische Ausrede.“
Frag den Neuen, er ist ein Frischling.
„Sage?“
Wie auch immer er sich nennt. Er ist noch neu. Also besteht die Chance, dass er erst kürzlich gestorben ist und sich an etwas erinnert, das du überprüfen kannst. Nur verläuft die Zeit auf unserer Seite anders. Insofern könnte es sein, dass er nur glaubt, gestern noch gelebt zu haben, obwohl er nach deiner Zeitrechnung bereits seit Jahren tot ist.
So tiefe Einblicke hatte Tut ihr noch nie gewährt. „Warum erzählst du mir das erst jetzt?“
Weil ich vorher keinen Grund dafür gesehen habe. Aber wie ich schon sagte, meine Zeit hier läuft ab und ich will dich nicht so angreifbar zurücklassen.
„Na gut. Wenn Sage wiederkommt, frage ich ihn.“
Das wird er. Für uns, die wir uns aus dem einen oder anderen Grund an dieser Existenz festklammern, bist du wie ein Leuchtturm. Deshalb sind so viele über dich hergefallen, als du noch klein warst. Ich habe dir geholfen, dich abzuschirmen. Mit der Zeit, als du wachsamer und skeptischer wurdest, wurde dein inneres Licht gedämpft. Aber ein paar verzweifelte Seelen werden dich immer noch finden. Daran habe ich keinen Zweifel.
„Warum? Was wollen sie von mir?“
Denk mal darüber nach. Wenn es nur einen Menschen auf der Welt gibt, der dich hören kann, würdest du nicht auch um seine Aufmerksamkeit kämpfen?
Ein gutes Argument. Es musste grauenhaft sein, ganz allein in einer riesigen Leere zu schweben und mit niemandem reden zu können. „Ich vermute, das würde ich.“
Okay. Jetzt, wo wir das geklärt haben, musst du aufstehen, dir das Gesicht waschen und wieder an die Arbeit gehen, bevor man nach dir sucht.
Ausnahmsweise klang Tut aufrichtig und seine Worte ergaben sogar Sinn. Wenn es wirklich ein Leben nach dem Tod gab – und sie glaubte tendenziell daran, auch wenn sie nicht so religiös war wie ihr Vater –, mussten die Möglichkeiten zur Kommunikation mit den Toten sehr begrenzt sein. Sonst würde man öfter davon hören, statt nur im Rahmen esoterischer Randerscheinungen. Vielleicht war sie wirklich eine der wenigen Glücklichen, die diese eigentümliche Gabe besaßen.
Aber so ungern sie sich auch eingestand, dass sie mit Geistern reden konnte, gefiel es ihr recht gut, sich als eine Art Medium zu sehen. Jedenfalls besser, als einfach nur verrückt zu sein. Also warum passte sie nicht einfach ihr Wertesystem an und damit das, was sie sich selbst einredete? Wie anders wäre ihr Leben verlaufen, wenn sie ihre übersinnlichen Fähigkeiten akzeptiert hätte, statt ständig an ihrer geistigen Gesundheit zu zweifeln?
Es war ganz leicht – einfach eine andere Perspektive einnehmen, eine andere Einstellung für sich finden, eine neue Grundlage. Zweifel würde es immer geben. Daran kam man nicht vorbei, wenn man es mit dem Übernatürlichen zu tun bekam. Aber sie konnte sie bewusst beiseiteschieben, statt sich von ihnen überwältigen zu lassen.
„Du hast recht“, sagte sie zu Tut.
Ermutigt von dem neuen Denkansatz rollte Nathalie ein langes Stück Toilettenpapier ab und tupfte sich die Augen ab, bevor sie sich die Nase putzte. Sie stand auf, hob den Deckel und spülte das Papier herunter. Während sie zusah, wie es in dem kleinen Strudel verschwand, atmete sie noch einmal tief durch, bevor sie im Spiegel den Schaden begutachtete.
Oh Gott, sie sah grauenvoll aus – rote Nase, geschwollene Augen, das ganze Programm. Wie zum Geier sollte sie die Spuren ihres Nervenzusammenbruchs kaschieren?
Make-up, und zwar jede Menge.
Als sie fertig war, war ihr Teint dank mehrerer Schichten Foundation makellos. Sie hatte immer noch rote Augen, aber dank des schwarzen Eyeliners und der Mascara wirkten sie weniger geschwollen.
Der Nachteil war, dass sie genug Make-up trug, um als Prostituierte durchzugehen.
Egal, das war kein Beinbruch. Sie verbrachte sowieso den größten Teil des Tages in der Küche.
Andrew
„Hurensohn.“ Andrew knallte das Telefon auf den Tisch.
Es war vier Uhr nachmittags und er musste jetzt sofort und mitten in der Rushhour zum Flughafen fahren, um einen möglichen Anschlag zu untersuchen. Ein Mitarbeiter der Gepäckabfertigung war mit einer wattierten Weste zur Arbeit gekommen. Das allein war nicht weiter ungewöhnlich, aber einem Kollegen war aufgefallen, dass die Wattierung merkwürdig aussah. Das und die Tatsache, dass der Mitarbeiter in letzter Zeit beunruhigende Bemerkungen hatte fallen lassen, hatte die Security auf den Plan gerufen.
Man hatte den Typ aus dem Verkehr gezogen und die Weste untersucht. Wie sich herausgestellt hatte, waren reihenweise leere Streichholzschachtelns ins Futter eingenäht worden und hatten die rechteckigen Umrisse erzeugt, die sein Kollege bemerkt hatte.
Merkwürdig? Absolut.
Der Mann redete sich nun damit heraus, dass er seinen Kumpels einen Streich spielen wollte.
Ist klar. Andrew vermutete vielmehr, dass es ein Test gewesen war. Ein Dummy, um herauszufinden, ob er mit der richtigen Sprengweste durchkam.
In den Sicherheitsbestimmungen der Flughäfen klafften Löcher, die unbedingt geschlossen werden mussten, bevor den Vereinigten Staaten etwas Schlimmeres als 9/11 zustieß. Dummerweise gelang es TSA und Homeland Security nicht, sich etwas einfallen zu lassen, dass keine Millionen verschlang oder zusätzliche Sicherheitssysteme verlangte. Das Flughafenpersonal bewegte sich täglich wiederholt zwischen Sicherheitsbereichen und normalen Bereichen hin und her. Es war einfach nicht umsetzbar, sie jedes Mal von Neuem zu durchsuchen.
Andrews Meinung nach bestand die einzige Lösung darin, jeden zu filzen, der das Flughafengelände betrat.
Teuer? Sicher. Man müsste an den Zugängen zahlreiche neue Check-Points errichten, um eine schnelle Abfertigung zu gewährleisten.
Notwendig? Auf jeden Fall.
Und wenn das bedeutete, dass die Flugtickets noch teurer wurden, um die zusätzlichen Kosten zu decken, war Andrew gern bereit, ein paar Dollar mehr zu zahlen. Das waren ihm ein sicherer Flug und die Angst loszuwerden wert, die er ihn bei Betreten eines Flugzeugs stets überfiel. Er war ziemlich sicher, dass es den meisten Reisenden genauso erging.
Nicht, dass während der verdammten Tagung in Washington irgendjemand auf ihn gehört oder seine Vorschläge berücksichtigt hätte. Auf die Leute an der Front hörte nie jemand. Es ging immer nur um das Kompetenzgerangel zwischen den Behörden und Bürokraten, die ihre Schäfchen ins Trockene bringen wollten.
Gott, er hasste Politiker. Nein, er hasste alle Bürokraten.
Die sollten alle mal ein paar Jahre bei der Truppe dienen, bevor man ihnen erlaubte, sich zur Wahl zu stellen. Das garantierte zwar keine besseren Entscheidungen, würde aber zweifelsohne für Fortschritte sorgen. An vorderster Front zu kämpfen und ihr verdammtes Leben zu riskieren, würde definitiv ihre Prioritäten zurechtrücken.
„Wohin geht’s?“, fragte Kravitz, als Andrew auf dem Weg nach draußen an seinem Schreibtisch vorbeikam.
„Zum verdammten Flughafen. Ich muss einen Verdächtigen befragen.“
Der Agent schielte zur Wanduhr hinter ihm. „Darum beneide ich dich nicht. Der Verkehr wird die Hölle sein.“
„Ist er das nicht immer?“
Kravitz nickte. „Auch wieder wahr. Wir sehen uns morgen. Spivak.“
Andrew salutierte mit zwei Fingern. „Grüß Lora von mir.“
Vor sechs Monaten hatte Kravitz eine Praktikantin aus der Buchhaltung geheiratet und seitdem nicht aufgehört zu lächeln. Offensichtlich tat ihm die Ehe gut.
„Mach ich.“
Würde er genauso lächerlich glücklich sein, wenn er Nathalie heiratete? Vermutlich nicht. Obwohl er sie von Herzen liebte und sich vorstellen konnte, sein restliches Leben mit ihr zu verbringen, gehörte Andrew nicht zu dieser Art Mensch. Er konnte nur auf eine gewisse Zufriedenheit hoffen, auf etwas Ruhe für seine rastlose Seele.
Er hasste es, Dinge vor ihr geheim halten zu müssen.
Verdammt, wem wollte er etwas vormachen? Er hatte sich weit Schlimmerem als Geheimniskrämerei schuldig gemacht. Er log sie offen an. Aber selbst wenn er die strengen Vorgaben des Clans ignoriert hätte, war es nicht an ihm, ihr die Wahrheit zu sagen: Das stand nur ihrem leiblichen Vater zu. Dennoch war er fest überzeugt, dass ihm sein doppeltes Spiel eines Tages um die Ohren fliegen würde.
Er hatte eine ganze Weile gebraucht, um zu begreifen, warum Nathalie gestern Abend so aufgebracht gewesen war und geweint hatte. Sicher hatte sein dämlicher Patzer über Bhathians und Jacksons Verwandtschaft untereinander und durch Syssi zu ihm ihr Misstrauen erregt. Sie war alles andere als dumm und man musste kein Genie sein, um zu erkennen, dass er diesen Umstand aus gutem Grund nicht erwähnt hatte.
Wusste der Himmel, was sie jetzt dachte. Frauen neigten dazu, grundlos selbst Kleinigkeiten zu monströsen Ausmaßen aufzublasen. Und ihr die Wahrheit vorzuenthalten, war alles andere als eine Kleinigkeit.
Andrew ließ Ebene um Ebene der Tiefgarage des Bürogebäudes hinter sich und wartete, bis er draußen war, bevor er Nathalies Nummer wählte.
„Hallo Andrew“, meldete sie sich mit ausdrucksloser Stimme.
Verdammt, jetzt wusste er mit Sicherheit, dass er am Arsch war. „Was ist los, Schatz? Du klingst angespannt.“
„Ich bin todmüde. Mein Dad hatte letzten Nacht Probleme und ich habe kaum geschlafen.“
Sie klang aufrichtig, aber seine Gabe war ohne Blickkontakt nicht so zuverlässig. „Dann sollte ich dich vielleicht schlafen lassen und erst morgen wieder vorbeikommen. Ich bin auf dem Weg zum Flughafen, um einen Verdächtigen zu befragen. Ich würde also eh ziemlich spät kommen.“
Andrew hielt den Atem an, während er auf ihre Antwort wartete. Wenn sie ihm zustimmte, war er in Schwierigkeiten. Aber wenn sie ihn heute Abend trotzdem sehen wollte, hielten sich die Probleme noch in Grenzen. Oder sie war eine Heilige.
„Ich möchte dich aber sehen. Ich habe Jackson gebeten, ein bisschen länger zu bleiben und meinen Dad im Auge zu behalten, während ich ein bisschen schlafe. Weck mich auf, wenn du kommst.“
Andrew spürte, wie sich die Muskulatur in seinem Kiefer lockerte, als er den angehaltenen Atem ausstieß. „Sicher?“
„Natürlich bin ich mir sicher, du alberner Kerl. Du fehlst mir.“
Ein breites Grinsen zeigte sich auf Andrews Zügen. „Dein Wunsch ist mir Befehl, Schatz.“
Sie kicherte. „Ha, natürlich ist er das.“
Plötzlich kam ihm die Fahrt gar nicht mehr so furchtbar vor. Als er ein bekanntes Liebeslied im Radio mitsummte, bemerkte er plötzlich, dass er immer noch lächelte.
Verdammt, er verwandelte sich in genauso einen Narren wie Kravitz.
Brundar
Erbärmlich.
Brundar rieb sich den Hals, während er die ungeschickten Versuche seiner Schüler musterte, ihren Gegner auf die Matte zu befördern. Nach zwei Wochen intensivem Training hatte er sie zu Paaren eingeteilt, um zu prüfen, wie viel sie gelernt hatten.
Offensichtlich nicht viel.
Und aus diesen Losern sollte er jetzt Kandidaten für den Fortgeschrittenenkurs aussuchen. Es war peinlich, aber Michael, der als mickriger Mensch mit dem Training begonnen hatte, zeigte bessere Anlagen als diese Gruppe unfähiger Unsterblicher. Bisher war er der einzige ernsthafte Kandidat für die Ausbildung zum Wächter.
Es war eine Frage der Einstellung. Michael war Sportler und stellte sich gern neuen Herausforderungen. Dagegen wollten die meisten Kursteilnehmer nur die Grundlagen der Selbstverteidigung erlernen. Sie liebten ihre tägliche Arbeit, die sie geistig forderte, und hatten seit Ewigkeiten keinen Sport getrieben. Insofern ließ ihre Motivation zu wünschen übrig und ihre Einstellung war das Letzte.
Zu seiner Überraschung war die Einzige, die ein wenig Talent gezeigt hatte, ausgerechnet Carol – die taube Nuss mit dem Alkoholproblem. Nicht, dass das ihr einziges Laster war. Er hatte bei mehr als einer Gelegenheit Gras an ihr gerochen. Aber sie gab sich Mühe, vermutlich, weil sie keinen erwähnenswerten Job hatte und sich ziemlich langweilte.
Körperlich hatte sie noch viel aufzuholen. Sie war klein und rundlich, hatte keine Muskeln und ihre Ausdauer war eine Katastrophe. Aber sie war aggressiv und konnte mit einer Schusswaffe einigermaßen gut zielen. Tatsächlich war sie die beste Schützin des Kurses – ein zweifelhafter Titel, wenn man bedachte, gegen wen sie antrat.
Brundar klatschte in die Hände, um die Aufmerksamkeit seiner Schüler zu erregen. „Okay, Leute. Das reicht.“ Wie er es ihnen beigebracht hatte, stellten sie sich auf und verneigten sich vor ihm. „Sobald ich euren Namen aufrufe, könnt ihr gehen.“
„Ja, Meister“, lautete die Antwort der zweiundzwanzig Unsterblichen.
Zumindest diesen Teil bekamen sie inzwischen hin. Den Neulingen etwas Disziplin und Benehmen einzubläuen war nicht leicht gewesen, aber es war nötig. Ihr Gehorsam und Respekt waren das Einzige, was diesen Kurs für ihn erträglich machte.
Nachdem die, die er aufgerufen hatte, verschwunden waren, blieben nur noch vier zurück: Carol sowie ihre ebenfalls arbeitslosen Kumpel George und Ben, außerdem Roland.
Eine sehr, sehr dürftige Auswahl.
„Ihr seid die besten im Kurs.“
Selbstzufriedene Blicke und Abklatschen.
Brundar zog eine Grimasse. „Das ist kein Grund zum Feiern. Nur weil ihr besser als schlecht seid, seid ihr noch lange nicht gut.“
Die selbstzufriedenen Mienen verschwanden.
„Aber ich biete euch die Gelegenheit, besser zu werden. Ich habe euch vier für den Fortgeschrittenenkurs ausgesucht. Die besten daraus werden in das Ausbildungsprogramm der Wächter aufgenommen.“
Carol und ihre Freunde wirkten begeistert. Nur Roland starrte auf seine nackten Füße.
„Probleme, Roland?“
„Ich habe kein Interesse am Wächterprogramm. Ich möchte nur Selbstverteidigung lernen.“
„Kein Problem. Die Ausbildung zum Wächter ist freiwillig. Willst du trotzdem am Fortgeschrittenenkurs teilnehmen?“
„Wenn ich hinterher nicht zu den Wächtern muss? Dann ja.“
„Der Fortgeschrittenenkurs beginnt morgen um sieben.“
„Müssen wir trotzdem um sechs am Anfängerkurs teilnehmen?“, fragte Carol.
Armes Mädchen, sie war wirklich nicht die Hellste. „Nein, ihr müsst um sieben kommen.“
„Ja, Meister.“ Sie neigte den Kopf, sodass Unmengen erdbeerblonder Locken um ihr engelhaftes Gesicht fielen.
Zu ihrem Glück war Carol auf jene zerbrechliche Weise wunderschön, die Männer unwiderstehlich fanden. Sie konnten nicht anders, als einen Beschützerinstinkt zu entwickeln, und fühlten sich von Carols vermeintlicher Schwäche angezogen wie die Motten vom Licht. Brundar fragte sich, ob sie das zu ihrem Vorteil einsetzt und ob ihre Dummheit nur gespielt war.
Selbst wenn sie den Wächtern beitreten wollte, würde er sie nicht empfehlen, ungeachtet ihres Talents an der Waffe. Das hatte nichts mit Frauenfeindlichkeit zu tun. Schließlich hatte er mit Kri auch kein Problem. Aber Carol war ein verantwortungsloser Schwachkopf, sanft und schwach. Definitiv kein Wächtermaterial.
„Ihr seid entlassen.“ Er wartete, bis alle fort waren. Dann schaltete er das Licht aus.
Ursprünglich war der Raum ein Klassenzimmer gewesen. Aber als sich herausstellte, dass sie mehr Platz brauchten, hatten sie Stühle und Tisch entfernt und den Boden mit Matten ausgelegt, um einen provisorischen Trainingsbereich zu erschaffen. Nebenan gab es einen identisch ausgestatteten Raum und genau dorthin ging Brundar jetzt.
Bhathian beendete gerade den Unterricht seiner eigenen Klasse und Brundar war neugierig, wie viele Schüler er für den Fortgeschrittenenkurs ausgewählt hatte. Elf verließen das Zimmer, kurz darauf fünf weitere. Gar nicht schlecht. Damit hatten sie gemeinsam neun rekrutiert.
„Sind sie zu gebrauchen?“, fragte er, als er den Kursraum betrat.
„Nee, kein einziger. Wenn du mich fragst, ist das alles Zeitverschwendung. Die Grundlagen der Selbstverteidigung sind das eine, die Ausbildung zum Wächter etwas vollkommen anderes. Kian und Onegus machen sich etwas vor, wenn sie glauben, dass diese Leute zu gebrauchen sind.“
Brundar schüttelte den Kopf. „Als wir noch jung waren, war das ganz anders.“
Bhathian schnaubte, bevor er das Licht ausschaltete. „Da waren andere Zeiten. Die Jungen waren damals stärker und sie waren es gewohnt, mit den Händen zu arbeiten. Wir haben schon vor dem Stimmbruch das erste Schwert bekommen und noch vor der Verwandlung gelernt, wie man damit umgeht.“
„Wir müssen unsere alten Freunde überreden, zurückzukommen.“ Brundar folgte Bhathian in den Fahrstuhl.
„Red mit deinem Bruder.“
„Wozu?“
Bhathian zuckte mit den Schultern. „Er kann mit Leuten umgehen. Vielleicht kann er ein paar überreden. Kian war bisher nicht erfolgreich, aber er ist auch nicht sehr gut darin, jemandem etwas zu verkaufen, was er nicht haben will. Aber du kennst ja Anandur. Der Mistkerl kann verdammt überzeugend sein.“
Keine schlechte Idee. Anandur war schon immer der Klebstoff gewesen, der die Wächter zusammengehalten hatte. Der lustige Typ, der Streiche spielte und den jeder mochte. Vielleicht würde es helfen, die Jungs an die gute, alte Zeit zu erinnern.
„Mach ich. Hör mal, ich möchte, dass du beide Anfängerkurse trainierst und ich die Fortgeschrittenen. Ich will nicht noch mehr Zeit verschwenden.“
„Kein Problem. Wie viele sind bei dir aufgestiegen und wie viele hast du weggeschickt?“
„Von den zweiundzwanzig, die ich hatte, sind vier weitergekommen.“
Bhathian rieb sich das Kinn. „Deine achtzehn plus meine elf. Damit sind wir bei neunundzwanzig.“ Er zuckte mit den Schultern. „Das kriege ich schon hin.“
„Gut.“ Brundar nickte. Der Fahrstuhl hielt auf dem Stockwerk, auf dem das Fitnessstudio lag. „Ich mache mich auf die Suche nach Anandur.“
Nathalie
Jackson kam mit einem Friedensangebot in Form einer Tasse in die Küche. „Ich habe dir einen Cappuccino gemacht.“
Kluger Junge. Er würde sich in einer festen Beziehung gut machen. Er schien instinktiv zu ahnen, dass er sie beschwichtigen musste. Dabei hatte er keine Ahnung, wieso sie so ungehalten war. Ob er ahnte, dass er zumindest zum Teil für ihre verantwortlich war? Vielleicht versuchte er deshalb, gut Wetter zu machen.
Ach nein. Andrew war gestern erst herausgerutscht, dass sie verwandt waren. Da hatte er Jackson sicher noch nicht ins Bild gesetzt.
„Danke, den kann ich gerade gebrauchen.“ Nathalie nahm Jackson die Tasse ab und setzte sich auf den Stuhl, den er ihr mitgebracht hatte. Es fiel ihr schwer, einem so aufmerksamen Menschen weiter böse zu sein. Jackson war aufgefallen, dass sie den einzigen Stuhl in der Küche ihrem Vater überlassen hatte und sich nirgendwo hinsetzen konnte. Also hatte er ihr einen Stuhl gebracht.
„Ich möchte dir meinen Freund Vlad vorstellen, wenn du ausgetrunken hast.“
Oh Gott, nicht noch einer aus der endlosen Reihe seiner Freunde. Sie war Jackson dankbar für die zusätzliche Kundschaft und meistens hatte sie auch Spaß daran, sich mit ihnen zu unterhalten, aber im Augenblick war sie zu erschöpft.
„Vielleicht ein anderes Mal. Ich kann kaum noch die Augen offenhalten und zähle schon die Minuten, bis wir endlich zumachen. Sobald ich das Schild umgedreht habe, gehe ich nach oben und ins Bett.“
„Genau deshalb sollst du ja Vlad kennenlernen. Du brauchst Hilfe in der Küche und er einen Job.“
„Das ist sehr aufmerksam von dir, aber selbst mit den zusätzlichen Gästen, die du anschleppst, kann ich mir keine zweite Aushilfe leisten.“
„Ich weiß, aber er ist bereit, umsonst zu arbeiten, bis du ihn bezahlen kannst.“
„Warum zum Teufel sollte er das tun?“
Jackson grinste. „Weil ich ihm erzählt habe, dass du ihm das Backen beibringst.“
„Er will Bäcker werden?“ Das war ein sehr ungewöhnlicher Berufswunsch für einen Teenager.
„Nicht unbedingt, aber er will Geld verdienen.“
Nathalie schnaubte. „Dann hat er sich den falschen Beruf ausgesucht. So viel steht fest.“
Jackson tätschelte ihr die Schulter, als wäre sie ein bisschen langsam im Kopf. „Komm, setzen wir uns mit ihm hin und handeln einen Deal aus. Du siehst aus, als ob du jeden Moment umkippst.“
„Wir können nicht gleichzeitig Pause machen. Was, wenn jemand etwas bestellt?“
„In zehn Minuten ist Feierabend. Wir können behaupten, dass die Küche schon zu ist. Du machst für heute Schluss.“ Er zog an den Bändern ihrer Schürze.
Ganz schön herrisch, der Kleine. Aber egal, er hatte recht.
„Papi, kommst du ein paar Minuten allein zurecht?“, fragte Nathalie ihren Vater.
Als er nickte, zog sie die Schürze aus, wusch sich die Hände und folgte Jackson nach vorn, während sie die Finger an einem Geschirrtuch abtrocknete.
„Nathalie, das ist Vlad.“
Sie hob den Kopf, um Jacksons Freund zu begrüßen, und hätte beinahe Reißaus genommen. Kein Wunder, dass der Junge bereit war, umsonst zu arbeiten. Wer bei klarem Verstand würde ihn einstellen? Er würde sämtliche Gäste verscheuchen!
Vlad trug ausschließlich Schwarz. Seine Kleidung war mit zahllosen Ketten und Nieten besetzt, der klassische Goth-Stil. Aber das war nicht der Grund, warum Nathalie so verstört war. Vlad war zudem sehr groß, wohl an die zwei Meter, und so dürr, dass er kaum mehr wog als sie. Vermutlich sogar weniger. Dank seiner zusammengesunkenen Körperhaltung, dem schneeweißen Gesicht und dem glatten schwarzen Haar, das ihm ins Gesicht fiel, sah er aus wie eine Mischung aus Dracula und seinem Diener Igor.
Außerdem schien er gefärbte Kontaktlinsen zu tragen, denn so ein Blau wie das des einen sichtbaren Auges hatte Nathalie noch nie gesehen.
Ihre erschrockene Reaktion ließ ihn noch weiter in sich zusammensinken und er senkte den Kopf – langes, schwarzes Haar bedeckte den größten Teil seines Gesichts.
„Hallo, Fräulein Nathalie“, flüsterte es hinter dem Vorhang glänzenden Haars.
Scheiße, jetzt fühlte sie sich mies. Armer Kerl. Siebzehn zu sein und so auszusehen, musste die Hölle sein. Wer wüsste das besser als sie?
„Hallo, Vlad.“ Sie streckte ihm die Hand entgegen. „Ist das die Kurzform von Vladimir?“
Nach kurzem Zögern ergriff er sie zaghaft. Er hatte schlanke Finger mit langen Fingernägeln.
„Nein, nur Vlad.“ Sein Raunen war kaum zu verstehen.
„Kommt, wir setzen uns da drüben hin.“ Jackson zeigte auf einen leeren Tisch. „Okay, folgendes ist der Plan“, wandte er sich an Nathalie, sobald sie alle Platz genommen hatten. „Ich habe über dein Geschäftsmodell nachgedacht und überlegt, wie du mehr einnehmen und gleichzeitig weniger arbeiten kannst.“
Nathalie verdrehte die Augen. Jugendliche und ihre Träume von Geld, das vom Himmel fiel. „Nur weiter. Ich bin neugierig, was dir Brillantes eingefallen ist.“
Jackson grinste. „Das Café läuft jetzt schon auf voller Kapazität. Hier können wir also nicht mehr rausholen. Deine Backwaren stehen hoch im Kurs, aber du kannst nicht mehr backen und in diesem kleinen Laden können wir auch nicht noch mehr verkaufen.“
„Ich ziehe nicht um.“
„Darauf will ich auch gar nicht hinaus. Aber wir könnten direkt an Büros liefern. Ich kann ein paar Freunde auftreiben, die die Ware mit dem Rad ausliefern, auf Kommissionsbasis. Und was das Backen angeht, können wir mit Vlad anfangen und falls die Sache läuft, stellen wir mehr Helfer ein.“
Eins musste sie Jackson lassen, er war der geborene Unternehmer, aber er hatte die begrenzte Kapazität ihrer Küche nicht bedacht. „Erstens: Eine Massenproduktion bekomme ich hier nicht hin. Ich habe nicht die richtige Ausstattung, geschweige denn den Platz, um sie unterzubringen. Zweitens frage ich mich, was du davon hast?“
Ein breites Grinsen bildete sich auf Jacksons Zügen. „Geld natürlich. Ich organisiere die Auslieferung und wir teilen den Gewinn. Und was deine Küche angeht, fangen wir mit dem an, was wir haben. Sollte sie nicht mehr ausreichen, lassen wir uns etwas einfallen.“
Nathalie entdeckte keinen Haken an der Sache. Tatsächlich hatte Jackson eine ziemlich gute Idee. Aber war sie bereit, sich noch mehr Arbeit aufzubürden?
„Da muss ich erst mal drüber schlafen. Im Augenblick will ich nicht mal an zusätzliche Arbeit denken. Und was dich angeht, Vlad: Kannst du morgen früh um vier hier sein?“
Vlad wurde munter. Er warf das lange Haar zurück, sodass sein Gesicht zu sehen war. „Ja.“ Er lächelte leicht und entblößte Eckzähne, die lang genug waren, um als Fangzähne durchzugehen. Trug er Zahnprothesen? Kronen? Nein, dafür wirkten sie zu echt. Aber noch beunruhigender waren seine Augen, die jetzt erstmals beide zu erkennen waren: das eine in einem gespenstischen Blau und das andere in einem leuchtenden Grün.
Das Schicksal hatte dem Jungen grausam mitgespielt, noch mehr als ihr. Jetzt war Nathalie doppelt froh, dass sie ihm den Job angeboten hatte. Um ein Haar hätte sie es ihm gesagt – Willkommen in der Freakshow –, damit er wusste, dass sie eine verwandte Seele war, aber sie hielt sich zurück. Vlad hätte sie falsch verstanden. Stattdessen bot sie ihm mit dem breitesten Lächeln, das sie in ihrem Zustand zustande brachte, die Hand an. „Gut. Klopf einfach an die Hintertür.“
Er schüttelte ihr energisch die Hand. „Mach ich. Danke. Du wirst es nicht bereuen, versprochen.“
„Ich weiß. Willkommen im Team.“ Innerlich fügte sie hinzu: Wir Freaks müssen schließlich zusammenhalten, Mann. An Jackson gewandt meinte sie. „Ich gehe nach oben und lege mich hin. Kannst du dich hier unten um alles kümmern und ein Auge auf meinen Dad haben, bis Andrew auftaucht?“
„Na klar.“
Dark Warrior – Dein Versprechen