Dark Enemy

Erlöst

Dark Enemy

Erlöst 

Vorschau

 

Kapitel 1: AMANDA

„Bist du dir sicher? Es gibt weit und breit keine einzige Karaoke-Maschine?“ Die verflixte Lana hatte vermutlich nicht einmal gesucht.

Niet. Ich habe in Bar eine gefunden, aber Besitzer wollte nicht verkaufen.“

„Wie viel hast du ihm geboten?“

„Zweitausend.“

„Du hättest höher gehen sollen.“

„Wir Wodka und Fisch besorgt, den du wolltest. Mehr war von Geld, das du gegeben hast, nicht übrig.“

Sobald die Anna für die Nacht im Hafen von Avalon angelegt hatte, hatte Amanda Lana und Sonia losgeschickt, um Vorräte zu besorgen und eine Karaoke-Maschine zu finden, egal, was sie kostete. Denn also bitte, ohne Karaoke war eine Party keine Party. Besonders weil diese ohne das wichtigste Element überhaupt auskommen musste: heiße Kerle.

Doch leider hatte sie nicht mehr als zweitausend dreihundert Dollar und ein paar zerquetschte bei sich gehabt und die Russinnen hatten sich geweigert, ihre Kreditkarte zu benutzen.

Die logische Lösung wäre gewesen, sie zu begleiten, aber Amanda war lieber an Bord geblieben. Nicht nur, weil sie auf die Gesellschaft der Damen gut verzichten konnte, sondern weil es ihr davor graute, geilen Männern und ihren lüsternen, anzüglichen Blicken ausgesetzt zu sein.

Und das würde unweigerlich geschehen, wenn sie die Straßen von Avalon mit ihrer Gegenwart beehrte.

Schönheit hatte einen Preis und sich lüsternen Blicken ausgesetzt zu sehen, war nicht mal der höchste. Verdammt, die meisten Zeit über hatte sie gar nichts dagegen.

Ganz oben auf der Liste der Nachteile standen die Missgunst andere Frauen, gefolgt von dem Vorurteil, dass alle schönen Frauen strohdumm waren.

Wenn sie genauer darüber nachdachte, fühlten sich die meisten Menschen, egal ob Mann oder Frau, von ihrer äußeren Erscheinung eingeschüchtert.

Also ja, sie hatte lüsterne Blicke erduldet, kaum dass sie in die Pubertät gekommen war, aber bisher hatten sie ihr nie etwas ausgemacht. Im Gegenteil, meistens hatte sie sie als erregend empfunden.

Aber auf einmal war nichts wie früher.

Sie war scharf, aber gleichzeitig wurde ihr bei der Vorstellung, sich auf einen bedeutungslosen One-Night-Stand einzulassen, übel. Und vorhin, während ihres Nickerchens, als sie halbherzig versucht hatte, sich selbst Befriedigung zu verschaffen, war es dasselbe gewesen.

Denn es gab nur einen Mann, an den sie denken konnte, doch die Schuldgefühle und die Abscheu, die mit ihrer Zuneigung zu Dalhu einhergingen, halfen dabei nicht gerade.

Mist. Es war die Hölle und wie es aussah, würde sie eine ganze Weile in diesem Fegefeuer festsitzen.

Tja, da ließ sich wohl nichts machen, sie konnte sich nur Zeit geben.

Abgesehen davon war es nicht gerade eine Qual, auf dem Oberdeck der Anna zu liegen, die sich sanft im Strom der Gezeiten wiegte. Und der fischige Salzgeruch des trüben Wassers war auch nicht allzu schlimm. Genau genommen hätte er sogar ganz angenehm sein können, wenn er nicht vom Dieselgestank des Motors der Jacht durchsetzt gewesen wäre.

Ach, wie sehr sie die Ära der alten Segelboote vermisste. Auf ihnen zu reisen, war eine ganz andere Erfahrung gewesen. Das Meer hatte herrlich gerochen, sauber wie es damals noch gewesen war. Auf der anderen Seite hatten die Geschwindigkeit, der Luxus und die moderne Einrichtung der Anna auch etwas für sich.

So war das nun mal im Leben: Nichts war perfekt und um das eine zu bekommen, musste man oft etwas anderes opfern.

Und das war eine sehr hässliche Wahrheit.

Ein gutes Buch zu lesen und sich zu entspannen hatte ihr gutgetan und sie hätte gern weitergelesen, doch die Sonne sank allmählich tiefer. Obwohl kein größerer Temperatursturz damit einherging, wurde es allmählich zu frisch, um in einem knappen Bikini an Deck zu sitzen.

Seufzend schloss Amanda ihr Buch und tapste unter Deck.

In ihrer Kabine schielte sie zum Laptop. Vielleicht sollte sie ihre E-Mails checken, um nachzuschauen, ob die Entwürfe für Syssis Hochzeitskleid schon da waren.

Joann hatte sich wie immer als großartige Hilfe erwiesen. Sie hatte alle befreundeten Designer angerufen und sich erkundigt, ob sie einen Eilauftrag annehmen könnten. Aber da ihnen weniger als zwei Wochen vom Entwurf bis zur letzten Anprobe blieben, hatten nur zwei die Herausforderung angenommen, ein einzigartiges und atemberaubendes Meisterwerk für Amandas beste Freundin zu erschaffen.

Syssi verdiente nur das Allerbeste.

Stirnrunzelnd fragte Amanda sich, ob jemand an Kian gedacht hatte. Schließlich brauchte der Bräutigam für dieses Ereignis auch ein neues und großartiges Outfit. Es sei denn, ihr Bruder hatte vor, in seiner edlen Regentenrobe vor den Altar zu treten.

Genau. Sie kicherte. Ihrer Meinung nach sah er umwerfend darin aus, geradezu königlich, aber ihr war bewusst, wie sehr Kian das Ding hasste.

Vielleicht sollte sie ihn anrufen und ihm vorschlagen, die Robe zu tragen. Zuerst würde er in die Luft gehen, aber dann würde ihm bewusst werden, dass sie ihn aufzog, und sie würden zusammen lachen.

Oder auch nicht.

Amanda ließ sich auf das breite Doppelbett fallen und legte die Arme über die Augen. Ihr war am Rande bewusst, dass ihr Sonnenöl einen klebrigen Abdruck auf der Bettwäsche hinterließ, aber das kümmerte sie nicht.

Wer interessierte sich schon für Bettwäsche, wenn sie sich mit der deprimierenden Vorstellung herumschlug, dass Kian und sie nie wieder so locker und liebevoll miteinander umgehen würden wie vor diesem hässlichen Durcheinander?

Sie griff nach dem Handy und war versucht, ihn anzurufen.

Aber was sollte sie sagen? Ihn bitten, ihr zu verzeihen?

Wenn sie geglaubt hätte, dass das alles zwischen ihnen wieder geraderücken würde, hätte sie es sofort getan. Stolz oder die Frage, wer von ihnen im Recht war, war nicht wichtig, wenn so viel auf dem Spiel stand.

Amanda wollte einfach ihren Bruder wiederhaben. Stattdessen wählte sie Syssis Nummer.

„Sekunde …“ Syssi meldete sich nach dem ersten Klingeln. „Ich muss eben noch jemanden aus der Leitung werfen.“

„Lass dir Zeit.“

Ein paar Sekunden später meldete Syssi sich wieder und schnaufte, als wäre sie joggen gewesen. „Jetzt gehöre ich ganz dir.“

„Was ist los? Du klingst abgekämpft.“

„Ach ja? Versuch du mal eine Hochzeit mit sechshundert Gästen zu organisieren. Weder deine Mutter noch ich haben Erfahrung damit. Und bevor du fragst: Kein Hochzeitsplaner, der sein Geld wert ist, würde einen solchen Auftrag kurzfristig übernehmen. Uff, das wird eine Katastrophe.“

„Wer ist jetzt hier die Dramaqueen? Entspann dich, es wird fantastisch. Es sollte wirklich nicht allzu schwer sein, leckeres Essen, Livemusik, eine geschmackvolle Deko und vor allen Dingen ein hinreißendes Hochzeitskleid zu besorgen.“

„Ja? Wie es im Moment aussieht, wird Okidu kochen, dekorieren und das Kleid nähen müssen. Denn jeder Caterer und Florist, den ich angerufen habe, hat mich ausgelacht. Ich hatte keine Ahnung, dass solche Leute über Monate hinaus ausgebucht sind. Manchmal sogar über Jahre.“

„Das ist eine hervorragende Idee. Okidu, Onidu und die beiden Jungs meiner Mutter. Zu viert haben die Odus bestimmt keine Schwierigkeiten, alles zu organisieren. Du musst ihnen nur das geplante Menü mit Rezepten vorlegen und ihnen Bilder von passenden Dekorationen zeigen. Dann übernehmen sie alles.“

„Das soll ja wohl ein Witz sein, oder?“

„Es ist mir todernst. Sie können sich um alles kümmern. Außer um das Kleid, und da bin ich schon dran.“

„Ja? Erzähl.“

„Warte, ich schaue eben mal in meine E-Mails. Joann sei Dank haben wir nicht nur einen, sondern gleich zwei Designer, die bereit sind, sich der Herausforderung zu stellen. Ich warte auf ihre ersten Entwürfe.“ Sie sah schnell in ihre Inbox, fand aber keine Nachricht von Joann. „Nein, bisher ist nichts gekommen. Sobald mir ein Entwurf vorliegt, schicke ich ihn dir.“

„Das ist großartig, danke. Joann hat einen tollen Geschmack, ich vertraue ihr.“

„Gut. Ich dachte schon, du bist sauer, weil ich sie ins Boot geholt habe, ohne es vorher mit dir abgesprochen zu haben.“

„Nein, absolut nicht. Nachdem sie mir einen ganzen Kleiderschrank großartiger Klamotten zusammengestellt hat, vertraue ich darauf, dass sie sich etwas einfallen lässt, von dem ich nicht einmal zu träumen wagen würde. Ich überlasse das Kleid gern den Profis. Ein Problem weniger.“

„Arme Syssi. Du klingst ungefähr so begeistert, als würde jemand anderes heiraten.“

„Ich weiß. Ich hasse Großveranstaltungen und auch noch im Mittelpunkt zu stehen, ist meine persönliche Vorstellung von der Hölle. Wenn es mir ginge, wären nur Kian und ich, du, Andrew und Annani dabei. Das würde mir reichen.“

„Wirklich? Was ist mit deinen Eltern? Und meinen Schwestern Sari und Alena? Und den Wächtern? Und William und Bridget?“

„Okay, die auch, aber das war’s. Mehr nicht.“

„Oh Süße, verstehst du nicht? Du wärst zwar glücklich, wenn nur enge Familienmitglieder und ein paar persönliche Freunde eure Hochzeit bezeugen würden, aber Kian will jedes einzelne Mitglied des Clans dabeihaben. Er braucht sie.“

„Ich weiß. Deshalb bin ich ja auch noch hier, statt schreiend wegzurennen.“ Syssi schnaubte.

„Wo wir gerade von Kian sprechen: Hat jemand daran gedacht, ihm für die Hochzeit einen Smoking anfertigen zu lassen? Wenn ihr das ihm überlasst, wird er in einem seiner alten Geschäftsanzüge auftauchen.“

„Du hast recht. Oh Gott, ich kann nicht fassen, dass ich nicht daran gedacht habe.“ Syssi seufzte. „Das erinnert mich schon wieder daran, wie wenig ich den Mann kenne, den ich in dreizehn Tagen heiraten werde.“

„Du weißt alles, worauf es wirklich ankommt, und für alles andere bleibt dir endlos viel Zeit. Also zerbrich dir nicht weiter den Kopf. Kian ist ein toller Mann, trotz seines Jähzorns und so weiter.“

„Ja, ich weiß. Aber wo du gerade das sonnige Gemüt deines Bruders erwähnst.“ Syssi senkte die Stimme zu einem Flüstern. „Kian hat den ganzen Tag bei Dalhu verbracht und als er wiederkam, war er … na ja, vielleicht nicht gerade glücklich, aber auch nicht wütend. Ich glaube, das ist ein gutes Zeichen.“

Amanda kicherte. „Gemessen an Kians Maßstäben vermutlich schon. Hast du ihn gefragt, worüber sie gesprochen haben?“ Sie war nicht neugierig. Überhaupt nicht …

„Er hat mir keine Chance gelassen, hat mich nur leidenschaftlich geküsst und ist sofort ins Büro gestürmt, um eine Akte für sein nächstes Meeting zu holen. Aber ich werde ihm später auf den Zahn fühlen und dir morgen berichten.“

Obwohl sie es besser wissen sollte, spürte Amanda, dass ihr Herz schneller schlug. Kian musste halbwegs anständige Laune gehabt haben, wenn er Syssi nach einem stundenlangen Gespräch mit Dalhu sofort geküsst hatte.

„Einverstanden. Gleich morgen früh.“

„Sicher, dass ich so früh anrufen soll? Nach dem Saufgelage mit den Russinnen bist du vielleicht zu verkatert.“

„Also bitte, mir wird es super gehen. Ich fülle sie ab, bis sie in mehr als einer Hinsicht singen. Und zwar bevor ich auch nur angeheitert bin.“

Syssi schnaubte. „Wenn du das sagst.“

„Ich habe alles im Griff.“

Na ja, fast alles. Ohne die Karaoke-Maschine würde sie sich eine Playlist auf dem Handy zusammenstellen, es an die Lautsprecher im Salon hängen und den Frauen Ausdrücke der Texte in die Hand drücken müssen.

Russische Songs wären am besten geeignet. Aber obwohl sie halbwegs fließend Russisch sprach, hatte Amanda sich nie die Mühe gemacht, die kyrillische Schrift zu erlernen. Und selbst sie war nicht in der Lage, dieses Manko innerhalb weniger Stunden auszugleichen.

Kapitel 2: ANDREW

Nachdem Andrew an die Tür der Klinik geklopft hatte, ging ihm auf, wie spät es war und dass Dr. Bridget vielleicht längst zu Hause war.

Enttäuscht versuchte er es ein zweites Mal und wartete. Schließlich war er schon mal hier und wurde auch nirgendwo anders erwartet. Feierabend zu machen und in sein leeres Haus zurückzukehren, war auch nicht besser als in einem leeren Flur herumzustehen und darauf zu warten, dass ihm jemand aufmachte, der möglicherweise gar nicht mehr da war.

Irgendwie erbärmlich.

Das Leben eines Junggesellen war nicht so glorios wie die verheirateten Männer es sich vorstellten.

Sicher, er konnte mit jeder Frau ins Bett springen, die er herumbekam – und davon gab es mehr als genug –, aber meistens ging er abends allein nach Hause.

Deshalb war die Neuigkeit von Syssis Hochzeit zumindest für ihn eine weniger große Überraschung gewesen, als er erwartet hatte. Nur dass sie so bald stattfand. Er konnte jedoch verstehen, warum Kian sich danach sehnte, sein einsames Junggesellenleben zu beenden, nachdem er eine Frau gefunden hatte, mit der er die Ewigkeit verbringen wollte.

Andrew konnte sich nicht einmal vorstellen, wie es für ihn gewesen sein musste, so viele Jahre ohne eine Gefährtin an seiner Seite zu verbringen.

Er freute sich wirklich für die beiden, aber er war auch ein wenig eifersüchtig. Dabei konnte niemand außer ihm selbst etwas dafür, dass er Single war. Und die Ausrede, dass sein Beruf eine ernsthafte Beziehung unmöglich machte, war genau das: eine Ausrede. Immerhin hatte ihr Job seine Kameraden nicht davon abgehalten zu heiraten.

Das Problem war nur, dass er noch nie mit einer Frau ausgegangen war, von der er sich vorstellen konnte, sein Leben mit ihr zu verbringen. Und zwar nicht, weil ihm keine gut genug gewesen wäre. Andrew ging eher davon aus, dass er selbst eine Macke hatte. Dass er emotional verkrüppelt oder schlicht zu wählerisch war.

Eine weitere Minute verstrich und er wollte gerade auf dem Absatz kehrtmachen, als die Tür aufschwang und eine überraschte Dr. Bridget vor ihm stand. Die rote Handtasche, die sie sich unter den Arm geklemmt hatte, verriet, dass sie auf dem Heimweg war.

Wow! Wie sexy sie ist.

Die zurückhaltende Ärztin war verschwunden und die Frau, die sie ersetzt hatte, war heiß. Bridget sah aus, als wäre ihr nach ein bisschen Spaß zumute. Ihr lockiges, rotes Haar fiel ihr locker über die Schultern und sie trug eine hautenge Jeans und ein ebenso knappes, rotes T-Shirt, das ihre Kurven betonte.

Offenbar liebte Bridget die Farbe Rot.

Andrew gab sich größte Mühe, ihr in die schönen Augen zu schauen und nicht zu ihrem üppigen Ausschnitt zu schielen, und fuhr sich mit der Hand über den Mund. Wer hätte gedacht, was die winzige Ärztin alles unter ihrem Kittel versteckt hielt?

„Es tut mir leid. Mir war nicht klar, wie spät es ist. Ich komme ein anderes Mal vorbei und dann früher.“

Sie riss die Augen auf und packte ihn an der Hand, bevor sie kräftig daran zog. „Unfug, du kommst mit rein.“ Sie zog ihn hinter sich her und schaltete das Licht wieder an. Ein listiges Lächeln huschte über ihr hinreißendes Gesicht, als sie sich umdrehte und zu ihm aufsah. „Ich werde mir die Gelegenheit kaum entgehen lassen, wenn du schon freiwillig hier auftauchst. Ich dachte schon, ich muss dich mit Gewalt herzerren.“

Andrew wollte über die alberne Vorstellung lachen, dass sie ihn zu irgendetwas zwingen könnte, aber dann wurde ihm bewusst, dass sie trotz ihrer Größe stärker sein könnte als er. Er hatte keinen Widerstand geleistet, als sie ihn hinter sich hergezogen hatte, aber ihr Griff war ziemlich kräftig.

Erschien sie ihm dadurch weniger anziehend? Auf keinen Fall, im Gegenteil sogar.

„Du unterschätzt deinen Charme, Dr. Bridget. Ich wäre gerade nirgendwo lieber als hier bei dir.“

Eine hübsche Röte zeichnete sich auf ihren porzellanweißen Wangen ab und sie wendete den Blick ab. Aber das listige Lächeln war noch da, als sie ihn wieder anschaute. „Du bist ein ziemlicher Charmeur, was? Ich wette, bei dir gehen die Damen schnell in die Knie.“

Er lachte. „Wohl kaum.“ Er ließ sich von ihr zur Untersuchungsliege führen und setzte sich.

„Zieh die Jacke und das Hemd aus“, sagte sie und griff nach ihrem Stethoskop.

„Was? Jetzt schon? Ich habe auf ein leckeres Abendessen und ein nettes Gespräch gehofft, bevor du erwartest, dass ich mich für dich ausziehe“, neckte er sie, als er die Jacke abstreifte, zusammenlegte und neben ihn auf den Tisch legte. Dann knöpfte er sein Hemd auf.

Bridget lächelte. Die Röte auf ihren Wangen war nicht verschwunden. „Ich komme auf dein Angebot für ein Abendessen mit Small Talk und Flirten zurück, aber zuerst werde ich dich genau unter die Lupe nehmen.“ Sie zwinkerte ihm zu und ihre blauen Augen funkelten vor Schalk.

„Ich gehöre ganz Ihnen, Frau Doktor.“

Andrew zog das Hemd aus und achtete darauf, den Bauch einzuziehen und die Muskeln anzuspannen, als er sich Bridgets Blicken aussetzte. Er war gut in Form und hatte kein überschüssiges Fett am Körper. Er war aber auch keine zwanzig mehr. Gar nicht erst zu reden von den vielen Narben – einige eher klein, andere groß –, die sich über seine Brust, den Bauch und den Rücken verteilten. Seine spärliche Brustbehaarung reichte nicht einmal, um die kleineren zu verdecken.

Bridget ließ das Stethoskop sinken, sodass es ihr lose um den Hals hing. Sie kam näher und berührte behutsam die Narbe einer alten Schusswunde.

„Du hast ziemlich gefährlich gelebt, oder?“, raunte sie und strich auch über weitere Narben.

Zum Glück lag kein Mitleid in ihrer Stimme, eher Bewunderung. Das wollte er zumindest hoffen. „Das könnte man so sagen.“

„Weißt du, sobald du dich verwandelst, werden sie vermutlich verschwinden. Sogar die älteren.“ Sie ließ die Hand sinken, aber ihr Blick huschte über seine Vorderseite, um sich einen Überblick über seine alten Verletzungen zu verschaffen. Anschließend wiederholte sie dasselbe an seinem Rücken.

„Würde ich dir ohne sie besser gefallen?“, zog er sie auf. Ihre Musterung war ihm unangenehm.

„Ich mag dich so oder so, mit oder ohne Narben.“ Sie steckte sich das Stethoskop in die Ohren und griff nach dem Bruststück. „Okay, jetzt bitte einatmen … und ausatmen.“

Er gehorchte und nutzte die Gelegenheit, um an ihrem Haar zu riechen, als sie sich über ihn beugte. Ein angenehmer, mild blumiger Duft schlug ihm entgegen, süß und weiblich wie Bridget selbst. Es ging etwas sehr Anziehendes von dieser sanften, kleinen Frau aus, die gleichzeitig eine fähige Ärztin mit viel Charakter war, die sich nichts gefallen ließ.

„Perfekt.“ Sie legte das Stethoskop beiseite. „In Ordnung. Hose runter.“

„Was? Wieso?“ Wenn Bridget vorhatte, seine Prostata zu untersuchen, würde sie sich umgucken.

„Erwischt!“ Sie kicherte. „Du hättest dein Gesicht sehen sollen … Das pure Entsetzen … Aber komm schon, immerhin hast du kaum etwas an dir, das ich noch nicht gesehen habe.“

So ein Teufelchen. „Erstens: Woher willst du das wissen?“ Er hob eine Braue.

„Ja ja, du bist bestimmt bestückt wie ein Pferd.“ Bridget versetzte ihm einen Stoß gegen die Brust, damit er sich hinlegte. „Und zweitens?“

„Wenn ich dir erlauben soll, da herumzustochern, wo die Sonne nicht scheint, dann erst, nachdem ich nackt in deinem Bett liege und selbst ein bisschen rumstochern durfte.“

Erneut schoss ihr die Röte in die Wangen. „Sieh an, was für ein verdorbener Kerl du bist …“, murmelte sie, während sie seinen Bauch abtastete.

„Du hast ja keine Ahnung.“ Er schnappte sich ihre Hand und zog daran, bis sie auf ihm lag. „Darf ich die Frau Doktor küssen?“, murmelte er dicht an ihrem Mund.

„Erlaubnis erteilt“, erwiderte sie, dann küsste sie ihn. Zuerst nur zögernd, kaum mehr als eine leichte Berührung ihrer vollen Lippen an seinen, aber als er ihr die Hand in den Nacken legte und sie näher an sich zog, stöhnte sie leise und drängte die Zunge in seinen Mund.

Sanft ihren Rücken streichelnd widerstand Andrew dem Drang, Bridget zu packen und sich auf sie zu rollen. Sie war im Vergleich zu ihm so winzig und er hatte Sorge, dass sein Verlangen sie überwältigen könnte.

Daher war es besser, sie das Tempo bestimmen zu lassen.

Allerdings war er nicht sicher, wie lange er Bridgets Angriffen standhalten konnte. Sie küsste und wand sich mit der Verzweiflung und Dringlichkeit einer Frau auf ihm, die genau wusste, was sie brauchte, und vollkommen ausgehungert war. Sie vergrub die Finger in seinem kurzen Haar und hielt ihn fest, während sie küsste. Gleichzeitig rieb sie das Becken an seinem harten Schaft und heizte ihm ein.

„Oh Gott, Bridget. Ich muss dich unbedingt nackt sehen“, hörte er sich raunen, als er fester die Arme um sie schloss.

Verdammt, das wollte er gar nicht laut aussprechen und genauso wollte er sie nicht erdrücken. Aber es fühlte sich verflucht gut an. Zu spüren, wie ihre süßen, kleinen Nippel so hart wurden, dass sie sich durch ihre Kleidung an seiner nackten Brust rieben. Mit übermenschlicher Stärke lockerte er seinen Griff.

„Dein Wunsch ist mir Befehl“, schnurrte sie und erhob sich auf die Knie. Sie setzte sich rittlings auf ihn. Ihr verführerisches Lächeln sprach nicht gerade von unterwürdigem Gehorsam. Sie griff nach dem Saum ihres roten T-Shirts und zog es sich über den Kopf, um cremeweiße Brüste in einem roten Spitzen-BH zu entblößen, der nichts der Vorstellungskraft überließ.

Einen Moment später landete er neben dem T-Shirt auf dem Fußboden.

Als hätte er keine Kontrolle über sie, hoben sich Andrews Hände und schlossen sich um die runden Schönheiten. „Du bist wunderschön.“

Sie kam seiner Berührung entgegen, ihr Blick war verschleiert. „Halt dich nicht zurück, Andrew. Ich halte viel mehr aus, als du glaubst.“

Okay …

Blitzartig drehte er sich mit ihr herum.

„Besser?“ Er lächelte auf sie hinab, bevor er die Nase an ihrem Hals rieb.

„Ja …“ Sie kam ihm entgegen und rieb ihre Brüste an ihm. „Oh ja … genauso“, stöhnte sie, als er tiefer glitt und eine Brustwarze mit der Zunge umspielte. Als er sie in den Mund sog, keuchte sie auf. „Aber ohne Hosen wäre es noch besser.“

„Unter einer Bedingung.“ Er pustete über ihren harten, feuchten Nippel.

Sie hob fragend eine Braue.

„Die roten Fick-mich-Schuhe behältst du an.“

Kapitel 3: AMANDA

Salute!“ Geneva hob mit unverschämt ruhiger Hand das Glas.

Amanda war noch nicht betrunken und in besserer Verfassung als ihre Saufkumpaninnen, aber sie war auf dem besten Weg, angeschickert zu werden.

Aber es war alles bestens. Ihr Plan funktionierte. Die Stimmung im großen Salon der Jacht war im Aufwind.

Auf dem Hauptdeck gelegen war der Salon wirklich großartig, was Umfang und Ausstattung betraf. Das schlanke Sofa aus winterweißem Leder war eine eigens angefertigte Schönheit, auf dem locker sechs Personen Platz fanden. Davor stand ein Couchtisch aus Glas enormen Ausmaßes. Zwei braune, dick gepolsterte Ledersessel vervollständigten den Sitzbereich.

Eine rechteckige Tischplatte aus Milchglas über einem hölzernen Fuß, der wie ein Baumstumpf mit breiten Ästen geformt war, diente als Esstisch. Außen herum standen vierzehn Stühle, die mit demselben winterweißen Leder bezogen waren wie das Sofa.

Sie hatten die Party mit einem Abendessen eingeläutet und die Laune der Crew hatte sich stetig verbessert, seitdem Amanda mit ihren neuen Freundinnen eineinhalb Flaschen Wodka getrunken hatte. Jede von ihnen.

Amanda hätte den Abend wirklich genossen, wenn sie nicht den Gestank des gegrillten Fischs in der Nase gehabt hätte. Die in Butter geschwenkten Kartoffeln, die dazu gereicht worden waren, rochen auch nicht verlockend, wenn auch nicht ganz so übel.

Um ihren eigenen kulinarischen Vorlieben gerecht zu werden, hatte man ihr ein Gericht aus grünen Bohnen serviert, garniert mit Renatas angewiderter Miene. Offensichtlich wollte die Crew mit der Farbe Grün nichts zu tun haben, schon gar nicht auf ihrem Teller. Doch Renatas gegrillter Buntbarsch war bei den Mädels gut angekommen.

Als Vegetarierin mit Russinnen abzuhängen, war, als würde man als Nonne in einen Biker-Bar gehen. Wie eine Seite aus einem Welches Teil passt nicht zu den anderen?-Buch für Kinder.

Nach dem Essen hatte sie sich für den lustigen Teil des Abends in die Sitzecke zurückgezogen und die Frauen waren ihr entgegengekommen, indem sie sich halbherzig an einigen der Songs versucht hatten, die Amanda für sie ausgedruckt hatte.

Aber dann ließ Sonia die ausgedruckten Texte auf den Tisch fallen und schmetterte ein altes russisches Lied, das auf die Rote Armee zurückging. Kristina und Lana schlossen sich an und die drei versuchten, sich auf eine Tonlage zu einigen.

Entweder waren sie betrunkener, als sie aussahen, oder taub. Nur schien das schiefe Durcheinander außer Amanda niemanden zu stören: Die Mädels hatten ihren Spaß.

Die Einzige, die mürrisch blieb, war Marta; eine untersetzte Frau mit kräftigen Armen, breiten Schultern und einer so finsteren Miene, dass sie selbst für eine Russin beeindruckend war. Ihre buschigen Augenbrauen, die aussahen, als wären sie nie in der Nähe einer Pinzette geraten, blieben gerunzelt, egal wie viel Alkohol sie in sich hineinschüttete.

Salute!“ Amanda leerte einmal mehr ihr Glas und hielt an sich, um keine Grimasse zu ziehen. Die Tatsache, dass sie eine Menge Wodka vertrug, bedeutete noch lange nicht, dass sie ihn mochte – nicht, solange man ihn nicht mit etwas Süßem und Fruchtigen mischte. Aber um den Respekt der Russinnen zu gewinnen, musste sie ihn genauso trinken wie sie: pur.

Als Amanda aufstand, um sich nachzuschenken, hielt sie sich am Tisch fest. Aber das diente eher der Show. Sie stand immer noch fest auf beiden Beinen, vielen Dank auch.

„Auf Alex! Einen großartigen Chef!“ Schauen wir doch mal, was sie von ihrem Arbeitgeber halten.

„Auf Alexander!“ Die Frauen standen auf, um sich zuzuprosten und lautstark miteinander anzustoßen.

Interessant, sie scheinen ihn zu mögen.

Amanda ließ sich nur mit leicht überzogenem Schwanken wieder in den Sessel fallen. Schließlich kam es bei guter Schauspielerei auf Subtilität an. „Erzähl mal, Geneva. Wie kommt es eigentlich, dass ihr für meinen Cousin arbeitet?“

„Du bist Alexanders Cousine? Das hat er mir gar nicht erzählt.“ Geneva musterte sie misstrauisch.

„Was hat er dir dann gesagt? Dass ich seine Freundin bin?“ Amanda schnaubte.

„Nur dass du ein wichtiger Gast bist und dass wir nett zu dir sein sollen.“

„Jetzt sag mir nicht, dass ihr seine anderen Gäste noch beschissener behandelt. Denn wenn das das Beste ist, was ihr zu bieten habt …“

Lana grollte, was ihr einen strengen Blick von Geneva einbrachte.

Amanda gab vor, es nicht bemerkt zu haben. Aber also bitte, sollten sie sonst etwa unverschämt zu Alex‘ Gästen sein?

Geneva winkte ab. „Alexander hat normalerweise keine Gäste.“

„Was, nicht mal Freundinnen?“

Das war eigenartig. Warum legte man sich eine Luxusjacht zu, wenn man niemandem damit beeindrucken wollte? Besonders Frauen?

Kristina kicherte, Sonia schnaubte und selbst Geneva musste an sich halten, um nicht zu lächeln.

„Was denn? Ich weiß, dass er nicht schwul ist. Ich habe ihn schon mit genug Frauen gesehen, um ein ganzes Stadion zu füllen. Daran kann es also nicht liegen.“

Diese Bemerkung schien den anderen die Laune zu verhageln. „Nein, Alexander ist definitiv nicht schwul“, grollte Geneva, griff nach ihrer Flasche, füllte ihr Glas und stürzte den Inhalt ohne Trinkspruch hinunter.

Beim Schicksal, Alex musste es ernst gemeint haben, als er die Crew als seine Mädchen bezeichnet hatte. Er schlief wirklich mit ihnen, und zwar nicht, weil er sie in Naturalien bezahlte.

Amanda verengte die Augen und sah von einer zur anderen, doch keine wollte ihren Blick erwidern. „Also, mit welcher von euch geht er ins Bett? Oder mit allen?“

„Warum fragst du? Du bist doch angeblich seine Cousine, nicht seine Freundin.“ Geneva verschränkte die muskulösen Arme vor der Brust und sah Amanda aus stechend grauen Augen an. Sie war ein harter Knochen und ziemlich hübsch, wenn man ihre finstere Miene, das sehr kurz geschnittene Haar und den Mangel an Make-up ignorierte. Wie viele Russinnen hatte sie volle Lippen. Ihre hohen, ausgeprägten Wangenknochen ließen ahnen, dass sie ein wenig asiatisches Blut in den Adern hatte, dasselbe galt für ihre fast tiefschwarzen Haare und den Schwung von Ober- und Unterlid. Darüber hinaus schien sie ganz slawischer Herkunft zu sein mit ihrer sehr blassen Haut, den großen, grauen Augen, üppigen Brüsten und schmalen Hüften.

„Bin ich auch. So weit es mich betrifft, könnt ihr hier eine Orgie nach der anderen veranstalten. Ich hatte nur den Eindruck, dass ein paar von euch eher auf Frauen stehen, nicht auf Männer oder auf einen bestimmten Mann, wie es jetzt aussieht.“

Geneva schnaubte, dann begannen ihre breiten Schultern zu zittern und sie lachte lauthals auf. Gleich darauf bebte der ganze Tisch, als die anderen Frauen sich ihr anschlossen und lachend auf die Tischplatte schlugen.

„Du denken, wir lesbisch?“, brachte Lana zwischen zwei Kicheranfällen hervor. „Warum?“

„Na, kurze Haare, all die Muskeln …“

„Ah …“ Lana wechselte einen selbstzufriedenen Blick mit ihren Kameradinnen. „Ist, weil wir Ringerinnen.“ Sie schlug sich mit der Faust vor die Brust. „Starke Muskeln für Kampf und keine langen Haare, weil festhalten … Dah?“

„Ringen? Wie bei den Olympischen Spielen? Ich wusste nicht einmal, dass es Frauen-Ringen gibt.“

„Nicht bei den Olympischen Spielen.“ Geneva lachte leise. „Im Schlamm.“

„Schlammcatchen? Ist nicht euer Ernst!“

„Schlammcatchen gutes Geld in Russland“, sagte Marta mit schwerem Akzent. Es war das erste Mal, dass sie mit Amanda sprach.

„Wie ist ein Team russischer Schlammcatcherinnen als Crew auf einer amerikanischen Jacht gelandet?“

„Auf einer russischen Jacht. Alexander hat sie in St. Petersburg gekauft.“

„Und dann?“

„Wir haben dort in einem Club gearbeitet und Alexander war als Gast dort“, sagte Kristina mit einem raschen Seitenblick zu Geneva.

Die Kapitänin hob die Hand, um ihr zu versichern, dass alles in Ordnung. „Ist schon gut. Ich erzähl ihr die Geschichte. Wir haben wie gesagt nachts in diesem Club gearbeitet. Es kamen viele Männer zu Besuch, sowohl Russen als auch Fremde. Schlammcatchen ist bei uns sehr beliebt. Beliebter als Strip-Clubs und mehr Geld verdient man dabei auch. Die Männer stehen drauf. Starke Frauen, die praktisch nackt im Schlamm miteinander kämpfen. Und nicht nur als Show, sondern richtig. Sie wetten auf uns und zahlen später auch für andere Dienste.“

„Sag einfach“, warf Lana ein. „Sie zahlen für Sex. Viel Geld und arbeiten als prostitutka kein große Sache in Russland. Keine Schande.“

Geneva zuckte mit den Schultern. „Alexander kam eines Abends vorbei und hat uns bezahlt, damit wir ihn hinterher alle in seine Hotelsuite begleiten. Wir haben unterwegs gelacht. Verrückter Ami. Was wollte er denn mit gleich sechs von uns? Sonia dachte, er will uns vielleicht zusehen, wie wir es miteinander treiben. Einige Männer mögen das, weißt du?“ Sie warf Amanda einen Seitenblick zu.

„Logisch.“ Amanda nickte und unterdrückte ein Lächeln. Sie konnte sich gut vorstellen, wie überrascht sie gewesen waren, als Alex sich jede von ihnen nacheinander vorgenommen und wahrscheinlich sofort eine zweite Runde eingeläutet hatte.

„Aber Alexander ist nicht wie andere Männer …“ Geneva schüttelte den Kopf.

Du hast ja keine Ahnung.

Renata brummte. „Eine Sexmaschine.“

„Nachdem er uns verwöhnt hat – manchmal eine allein oder auch zwei gleichzeitig, wieder und wieder –, hat er uns in seiner Luxussuite übernachten lassen. Es war die größte im Hotel, oberstes Stockwerk, zwei Schlafzimmer, zwei Badezimmer, Wohnzimmer, Küche, Esszimmer, einfach alles. Als er uns morgens Frühstück bringen ließ, waren wir bereit, ihn als unseren neuen Gott akzeptieren und anzubieten.“ Geneva grinste.

„Und Balladen singen auf herrliche Männlichkeit.“ Lana prostete in die Runde.

„Beim Frühstück meinte er, er würde uns gern für seine Jacht einstellen. Ich habe gefragt: Als was? Als Prostituierte für seine Gäste? Ich dachte, er will ein schwimmendes Bordell betreibend. Keine schlechte Idee, übrigens. Aber er sagte, er würde uns keinen anderen Männern überlassen. Wir sollten nur seine Jacht bemannen und ausschließlich ihm zur Verfügung stehen. Ich habe ihn gefragt, wie viel uns bezahlt. Sein Angebot war gut, besonders da er versprochen hat, sich um unsere Aufenthaltserlaubnis in den Staaten zu kümmern.“ Mit einem weiteren Schulterzucken beendete Geneva ihre Erzählung. „Und hier sind wir.“

Das war offensichtlich nicht die ganze Geschichte. Alex brauchte keinen persönlichen Harem. Im Club gab es mehr als genug Frauen, die bereit waren, mit ihm ins Bett zu gehen. Abgesehen davon war er nicht als großzügiger Arbeitgeber bekannt. Wenn sein Angebot den Frauen so viel mehr einbrachte als das, was sie als Prostituierte verdient hatten, musste er mehr als Sex von ihnen erwarten. Auf der Jacht zu leben und sie zu betreiben, mochte ein Bonus sein, aber sicher nicht alles.

Doch was steckte dahinter? Und wie sollte Amanda den Frauen die Wahrheit entlocken? Geneva sprach immer noch ohne Lallen, obwohl sie inzwischen die zweite Flasche Wodka geleert hatte.

„Das versteh ich nicht ganz. Ich meine, man lernt doch nicht von einem Tag auf den anderen, ein Schiff dieser Größe zu steuern.“

„Nein, aber ich hatte schon den passenden Führerschein. Ich nehme an, der Besitzer des Clubs hat Alexander davon erzählt. Nicht, dass es ein Geheimnis gewesen wäre oder so: Jeder wusste, dass ich gespart habe, um mir ein kleines Schiff zu kaufen. Ich hatte vor, Dinner-Fahrten vor St. Petersburg anzubieten. Deshalb habe ich im Club gearbeitet. Um genug Geld zusammenzubekommen. Renate hat auch gespart. Sie wollte meine Geschäftspartnerin und Köchin werden.“

„Dann muss Alex‘ Angebot euch wie ein Geschenk der Götter vorgekommen sein.“

„Absolut.“

Genevas Wortwahl vermittelte Bestimmtheit, ihr Tonfall allerdings nicht. Dasselbe galt für den kaum merklichen Anflug von Reue, der sich auf ihrem reglosen Gesicht widerspiegelte.

Aber wieso?

Dieser Job war weiter besser als ihr vorheriger und sie war dadurch ihrem Traum mehrere Schritte nähergekommen.

Vielleicht störte es sie, dass es nun ein Teil ihrer Arbeit war, mit Alex zu schlafen. Allerdings schien sie von seinen Fähigkeiten im Bett ernsthaft beeindruckt.

„Ist es denn für euch in Ordnung, ihn euch zu teilen?“

Wieder zuckte Geneva mit den Schultern. „Es ist ja nicht so, als ob sich eine von uns in ihn verliebt hätte oder so. Und keine von uns hat es eilig, sich einen anständigen Mann zu suchen. Falls es so etwas überhaupt gibt. Es geht nur ums Geschäft. Bis wir genug Geld zusammenhaben, um uns ein neues Leben aufzubauen. Es gefällt uns in Amerika. Wir möchten bleiben. Aber wir wollen von vorn anfangen, unser altes Leben hinter uns lassen.“

Amanda nickte und schenkte sich noch mal ein. „Auf einen Neuanfang!“ Sie prostete ihnen zu und die Frauen schlossen sich ihr begeistert an.

Es war eine faszinierende Geschichte, aber was hatte sie Amanda verraten? Abgesehen davon, dass Alex auf schlammbedeckte Frauen stand, hieß das?

Am wahrscheinlichsten erschien es ihr, dass er die Jacht zum Schmuggeln von Drogen nutzte. Alex musste zu dem Schluss gekommen sein, dass eine ausschließlich aus Frauen bestehende Crew weniger Misstrauen erregte. Oder dass die Russinnen dank ihrer zwielichtigen Vergangenheit und ihrem fragwürdigen Aufenthaltsstatus leicht zu kontrollieren waren.

Und falls sie mit der Anna in Schwierigkeiten gerieten, wären sie auch nicht hilflos.

Aber aus irgendeinem unerfindlichen Grund hatte Amanda den Eindruck, dass es nicht um Drogen ging, jedenfalls nicht ausschließlich. Es gibt wesentlich einfachere – und vor allen Dingen billigere – Möglichkeiten, illegale Substanzen ins Land zu bringen. Aber um was ging es dann?

Illegale Einwanderer vielleicht?

Nur war sie sich ziemlich sicher, dass man als Schleuser nicht sehr viel Geld verdiente. Es sei denn, bei den illegalen Einwanderern handelte es sich um reiche Leute, die gern stilecht reisten.

Drogenbarone? Mafiosi?

Amanda fiel ihr Gespräch mit Syssi ein und musste kichern. Kian als Mafia-Boss, also wirklich … Als würde das zu ihrem aufrechten Wohltäter von einem Bruder passen. Aber zu Alex schon eher. Und auch wenn Amanda ihn ganz in Ordnung fand, war Syssi anderer Meinung. Sie fand Alex ziemlich gruselig.

Ja, irgendetwas hatte es mit der Anna und ihrer merkwürdigen Crew auf sich. Alex benutzte die Jacht wahrscheinlich, um reiche Kriminelle ins Land und wieder hinauszuschaffen, vermutlich auch Drogen.

Aber das konnte Amanda nicht beweisen.

Anders als Kian war sie nicht sonderlich rechtschaffen und fühlte sich von Alex‘ vermeintlichen kriminellen Aktivitäten auch nicht moralisch betroffen. Nicht, dass sie sie befürwortete, aber Alex war letztendlich ein Freund, der ihr netterweise erlaubt hatte, sein Schiff zu benutzen.

Sollte sie Kian ihre Vermutungen mitteilen? Oder sollte sie sie für sich behalten, wenigstens, bis sie mit ein paar handfesten Beweisen aufwarten konnte?

Schließlich wäre es kaum richtig, die Abneigung ihres Bruders gegen Alex weiter zu fördern, ohne mehr als einen vagen Verdacht zu haben.

Oder doch?

Alex ohne Beweise anzuschwärzen wäre übel. Aber wie zum Teufel sollte sie an die gelangen? Und falls sie sich umsah und keinerlei belastende Hinweise fand, bedeutete das noch lange nicht, dass es keine gab. Schließlich war sie keine Detektivin.

Wenn sie Kian nicht einweihte, nur weil ihr die Beweise fehlten, würde nie jemand erfahren, dass hier etwas Seltsames vor sich ging, das man lieber im Auge behalten sollte.

Verdammt, schon wieder fand sie sich zwischen den Stühlen wieder und keine ihrer Optionen gefiel ihr sonderlich gut.

Alex zu verpetzen oder nicht, fiel jedoch nicht in dieselbe Kategorie wie ihr anderes Dilemma. Das war, als würde man Ladendiebstahl mit bewaffnetem Raubüberfall vergleichen. Denn sich nach dem Mann zu sehnen, der den Mord an ihrem Neffen in Auftrag gegeben hatte, war schlimmer als jede Form von Schmuggelei. Es war würdelos, sogar abstoßend, aber auf der anderen Seite war es die Hölle, sich von ihm fernzuhalten.

Dark Enemy Erlöst